Gerade habe ich mich in einem Telefongespräch mit Tobi darüber amüsiert, dass Eternal-Spieler nicht wissen, was “Fish”-Decks eigentlich sind und sogar die Idiotie besitzen, sie von Merfolk-Decks abzugrenzen! So ist das aber nun einmal, wenn man Begriffe benutzt, deren Bedeutung und Herkunft man nicht versteht – kein Wunder in einer Szene, deren Mitglieder sich vorzugsweise mit Hilfe möglichst obskurer Deckbezeichnungen unterhalten. Nicht viel anders ist es zum Beispiel bei “Threshold”, einem Decktyp, der schon lange nichts mehr mit Threshold zu tun hat. Nun könnte man ein blaugrünes Aggrokontrolldeck ja auch als UG Aggrocontrol bezeichnen, wenn es die speziellere Voraussetzung, auf der Threshold-Mechanik zu basieren, nicht mehr erfüllt – aber dazu müsste man auch wissen , was Aggrokontrolle eigentlich genau ist!
Solches Wissen spreche ich großen (oder zumindest tonangebenden) Teilen der Eternal-Community ab, und als Kronzeugen für diese Behauptung rufe ich jene Textform auf, der ich bislang ausschließlich im Vintage- und Legacy-Umfeld begegnet bin: Den Primer!
Was ist denn eigentlich solch ein Primer, und warum hat er sich ausgerechnet in den Eternal-Formaten entwickelt und nicht in dem (damals) erheblich beliebteren und entsprechend auch häufiger diskutierten Standard-Format? Nun, ein Primer ist ein How-to-Guide für Dummies. Er ist eine Bedienungsanleitung für Leute, die nicht wissen, wie das Bediente eigentlich funktioniert. Ein Primer ist das Äquivalent dazu, seiner siebzigjährigen Oma zu erklären, wie sie mit Hilfe ihres Computers eine Email schreibt: “Hier klickst Du auf dieses kleine orangene Bild, und dann auf dieses Wort, und dann auf diese weiße Fläche…” Begriffe wie “Browser”, “Lesezeichen” oder “Account” vermeidet man da besser.
Ein Primer behauptet, Spieler in die Lage dazu zu versetzen, in einem Format mitzuspielen, aus dem sie häufig weniger als 1% der darin befindlichen Karten tatsächlich kennen: Man erklärt ihnen die Karten in ihrem Deck, und was man damit anfangen kann. Dann versucht man ihnen noch zu erklären, auf welche Weise man damit gegen eine fest umrissene Anzahl genaue definierter Decktypen sideboardet und spielt. Man belastet sie nicht mit allgemeiner Magic-Strategie oder gar fundierten Kenntnissen darüber, wie und warum bestimmte Decks entstanden sind. Das funktioniert natürlich nur, weil Eternal-Formate so festgefahren und träge sind und sich nicht, so wie eben Standard, mit dem Erscheinen jeder neuen Edition grundlegend verändern, oder wie Limited ständig aufs Neue ein grundlegendes Hineindenken erfordern.
Die Geschichte der Eternal-Formate ist eine Geschichte voller Missverständnisse… Sollte man nicht annehmen, dass diese Formate sich hauptsächlich für Spieler anbieten, die schon lange bei Magic dabei sind und mit denjenigen Karten und Strategien, mit denen sie seit Jahren vertraut sind, weiterhin spielen wollen? Sollte man nicht annehmen, dass man in ältere Formate hineinwächst; dass der Weg von Standard über Extended zu Legacy (und schließlich, wenn man zu viel Geld hat, zu Vintage) führt? Sollte man also nicht annehmen, dass es sich um Formate für Erwachsene handelt, deren langjährige Beschäftigung mit ihrem Hobby und großzügigeren finanziellen Spielräume diese Formate für sie attraktiv und erschwinglich machen?
So ist das aber nicht! Im P-Forum hat gerade ein Siebzehnjähriger verzweifelt danach gefragt, wie er wohl für das verlängerte Bazaar of Moxen Wochenende schulfrei bekommen könnte. Den wohl treffendsten Kommentar dazu hat meiner Meinung nach Babak geschrieben:
“also wenn mir mein sohn sagen würde, er will frei haben für ein eternal event, dann würd ich ihm in den arsch treten, die haare schneiden und zu nem limited gp schicken…”
Genau so sehe ich das auch! Wenn das Kind also unbedingt ein dermaßen absurd teures und dekadentes Hobby wie Magic betreiben möchte, na schön, aber dann soll es verdammt noch mal auch erst einmal vernünftig Magic spielen lernen, bevor es sich mit Karten abgibt, die vor seiner Einschulung bereits out of print waren und mehr Wert besitzen, als verantwortungsbewusste Erziehungsberechtigte einem Minderjährigen zum damit Spielen und gar Tauschen zugestehen sollten!
Ein Siebzehnjähriger, der Vintage spielt; das ist genau so peinlich, lächerlich und unangemessen, als wenn er an einem Harley Davidson Bikertreffen teilnimmt. (Bei Legacy ist es nicht ganz so schlimm.) Magicspieler neigen sowieso bereits zum sozialen Außenseitertum, da müssen sich Jugendliche nicht zwingend auch noch innerhalb dieser Szene zu Außenseitern machen. Und wenn Halbstarke, die seit einem halben Jahr mit Hilfe von Primern ein Eternal-Format zocken, Erwachsenen, die seit einem halben Jahrzehnt Limited und Standard spielen, etwas über “richtiges” Magic erzählen wollen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie nicht ernstgenommen werden.
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