Magic ist krank

Hey, wisst Ihr, was ich gerade mache?

…okay, das war zu leicht: Offensichtlich schreibe ich gerade einen Blogeintrag. Also, anders gefragt: Wisst Ihr, was ich gerade NICHT mache?

Ja, da gibt es vieles, aber vor allem eines: Magic spielen.

Dabei hatte ich das heute eigentlich vor! Schließlich ist ja Magic Game Day, und die Zehnte Edition erscheint. Also machte ich mich heute morgen auf, um ein Release-Turnier zu spielen, vielleicht zusätzlich noch ein wenig zu draften und ein bisschen zu tauschen.

Ich gebe zu, ich hatte mich vorher nicht über die genauen Modalitäten informiert: Ich tauchte einfach frühzeitig bei einem Laden, von dem ich weiß, dass er keine Teilnehmerbegrenzungen hat auf und freute mich auf das Spielen.

Dann allerdings erfuhr ich, dass das Release-Turnier mit deutschem Produkt gespielt würde, und zwar weil das so vorgeschrieben war. Seit wann bitteschön das denn? Vor nicht allzu langer Zeit galt das für PRERELEASE-Turniere, aber doch nicht für Release-Turniere, die man als Laden ja eh mit regulärem Produkt ausrichtet! Nun, da habe ich offenbar eine Änderung verpasst. Als ich dann nach Side Events fragte, bei denen der Veranstalter ja nun wirklich machen kann, was er will, hieß es: Wir haben diese mit deutschen Karten angekündigt, also führen wir sie auch mit deutschen Karten durch.

Okay, das sehe ich natürlich ein. Was ich NICHT einsehe ist, dass ich mein Geld für deutsche Karten ausgeben soll! Wer nicht verstehen will, warum mir das wichtig ist, nun, der muss es nicht. Andererseits aber weiß ich, dass viele Spieler sich einen Kullerkeks darüber gefreut haben, dass die Zehnte schwarzrandig ist, weil sie weißrandige Karten verabscheuen! Wisst Ihr, ich kann nicht wirklich nachvollziehen, wo das Problem mit weißrandigen Karten liegt – okay, sie sehen zwar in der Regel (es gibt Ausnahmen!) ein wenig besser aus, aber wisst Ihr was? Dafür lesen sich deutsche Karten VIEL furchtbarer als englische! Ich bin nun einmal ein stärker verbal als visuell orientierter Mensch.

Nun, ich entschied mich also, mein Geld für andere Dinge auszugeben als für Karten, die ich nicht haben wollte. Ein Stündchen, bis das Turnier begann, saß ich noch herum und tauschte ein wenig, aber danach beschloss ich dann, auch meine Zeit anders zu verwenden, als in einem Spieleladen herumzusitzen und auf die Rundenenden zu warten, um neue Tauschpartner zu finden.

Der Frisör hat in irgendeinem Kommentar geschrieben, Magic sei tot (diesmal ganz doll ernsthaft), und das ist natürlich immer noch der gleiche Quatsch wie eh und je – Magic: Dying since 1993, das trifft es!

Magic IST allerdings krank.

So wie auch jeder lebende Organismus leidet es an zahlreichen kleineren und größeren Wehwehchen. Die meisten davon bringen einen nicht um, jedenfalls nicht auf absehbare Zeit, und viele davon heilen auch wieder. Eine besonders schwere, schleichende Krankheit droht aber bei Magic gerade chronisch zu werden, und ja, auf lange Sicht KÖNNNTE sie dazu beitragen, dass das aktuell immer noch kraftstrotzende Spiel Magic: The Gathering stirbt: Die Verbindung zwischen Casual Gamers und Turnierspielern löst sich auf.

Diese beiden Gruppen haben einander schon länger mit Misstrauen betrachtet, aber nichtsdestotrotz standen sie immer in enger Berührung miteinander, und es gab regen Austausch zwischen ihnen. Wie sieht es aber jetzt aus? Veranstaltungen mit “echten” Karten werden immer weniger auf fortgeschrittene Spieler zugeschnitten (die wie eh und je größtenteils englisches Produkt bevorzugen), sondern auf Anfänger und Gelegenheitsspieler. Wem nicht klar ist, welche Barriere das Spielen mit deutschen Karten darstellt, wenn man Turnierambitionen hat, der sollte sich doch einmal überlegen, wo sich Turnierspieler informieren: Über MTGO (alles Englisch). Auf englischsprachigen Seiten. Und auf ein paar deutschen Seiten, die selbstverständlich ebenfalls englische Kartennamen benutzen, und deren “deutsche” Artikel ohne die Kenntnis zahlreicher englischer Fach- und Slangausdrücke unlesbar sind.

Nein, Turniere mit deutschem Produkt richten sich eindeutig NICHT an “ernsthafte” Spieler. (Dafür geht man mit deutschen Karten der Konkurrenz durch Billiganbieter größtenteils aus dem Weg, weil alles deutschsprachige Produkt nun einmal auch tatsächlich von WotC Deutschland stammt. Das ist wahrscheinlich der Hauptgrund, warum Turniere mit deutschen Karten hierzulande dermaßen gepusht werden!) FNMs, die trotz gegenteiliger Behauptungen im Penalty Guide in der Praxis durchgängig auf dem offiziell nichtexistenten Rules Enforcement Level “Laissez-Faire”gejudged werden, ebenfalls nicht. Was bleibt, sind die jährlichen National Qualifier und die Pro Tour Qualifier – und letztere sollten ja zuletzt heimlich, still und leise zurückgefahren werden, nur dass diese Verschleierungstaktik nach hinten losgegangen ist.

Der Unterbau von Magic – der Casual-Bereich und der Neueinsteigerbereich – ist gesund. Die Pro Tour ist es (noch) ebenfalls. Die verbindende Ebene jedoch, die Turnierszene für Spieler, die ihr Hobby ernst nehmen, aber nicht so weit sind, dass sie damit Geld verdienen können, verschwindet nach und nach.

Ein weiterer Grund dafür ist natürlich Magic Online. Die Abwanderung von Turnierspielern dorthin beschleunigt sich selbst, da einem ja kaum eine andere Wahl bleibt, wenn man im RL keine Turniere oder auch nur Playtest-Partner mit realem Kartenpool mehr findet!

Wenn ich es nicht einmal mehr am “Magic Game Day” schaffe, ein Turnier zu finden, das sich an die Zielgruppe der fortgeschrittenen Turnierspieler richtet, dann liegt hier einiges im Argen. Wenn WotC Deutschland sich nicht mehr verpflichtet sieht, die maximal mögliche Zahl an PTQ-Slots bereitzustellen, und keine Probleme dabei hat, zwei der immer weniger werdenden großen Turniere in Deutschland auf den selben Termin zu legen (ich rede von dem PTQ, der am ersten Tag der deutschen Meisterschaft statfindet), dann hat hier eine Entwicklung begonnen, deren Folgen nicht abzusehen sind.

Bis Magic wirklich “tot” ist, vergehen auch im ungünstigsten Fall noch viele, viele Jahre. Doch wenn die schlimmste Krankheit, an der es zur Zeit leidet, nicht rechtzeitig geheilt wird, dann kann es dafür schon viel früher zu spät sein – und DANN stirbt Magic wirklich, auch wenn es lange dauern wird, bis es tatsächlich verreckt.

So, ich habe jetzt genug der Zeit, die ich dadurch gespart habe, dass ich heute NICHT Magic spiele, am Computer verbracht.

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10 Comments on “Magic ist krank”


  1. Übrigens habe ich zwar nicht an jenem Turnier teilgenommne, wohl aber Christopher Eucken. Schlüsse gibt es daraus keine zu ziehen.

  2. Nick Says:

    Wie du weißt schreibe ich ja nicht gerade oft etwas zu deinen Magic- Artikeln, Texten oder was auch immer aber diesmal bin ich nicht deiner Meinung. Ich denke es ist ein Schritt in die richtige Richtung das Release-Turnier mit deutschen Karten durchzuführen. Mich stören deutsche Karten genau so wenig (oder sehr) wie welche mit weißem Rand und ich glaube, dass geht vielen anderen „Turnierspielern“ auch so. Was MTGO und die minimierte Anzahl der PTQ angeht gebe ich dir Recht. Der erste Punkt steht damit aber nicht im Zusammenhang.

    Achja und diese Christopher Eucken Geschichte scheint dich ja doch stärker zu beschäftigen als zunächst zugegeben.


  3. (Das beschäftigt uns überhaupt nicht.)

    Ich sehe hier einen sehr deutlichen Zusammenhang. Nicht nur die deutschen Karten sind Teil der Strategie, diese Turniere stärker auf Anfänger zuzuschneiden, auch zum Beispiel der niedrige K-Wert von 8. Wenn man ein wenig suicht, findet man auch genügend offizielle Stellungnahmen,m die das bestätigen.

    Ich habe ja prinzipiell auch nichts gegen die Organisation von anfängerfreundlichen Turnieren, nur – wo bleiben die Turniere für Fortgeschrittene?

  4. ixc Says:

    Zum Blog:
    Joah, Joah zustimmung auch wenn ich die Deutschen Karten nicht als Grund ansehen kann an einem Turnier nicht teilzunehmken, denn ein Schock macht 2 Schaden egal ob er Deutsch, Englisch, Kisuaheli oder in irgendeine andere Sprache gedruckt wurde ebenso ist es egal ob er einen weißen oder schwarzen Rand hat…

    Letztlich läuft es darauf hinaus, dass die Spieler wieder mehr ihre lokalen Händler unterstützen müssen – diese auch wirklich bei WotC Germany ihre Ware beziehen müssen, dann können die Händler wieder mehr anbieten und auch mit den größeren Turnieren wird es wieder besser.. und dann kann auch eine langfristige gesundung stattfinden.
    Allerdings ist hier wohl auch WotC in der Pflicht, solange es billiger ist Karten aus sonstwo zu importieren und sie dann immer noch gewinnbringend hier verkaufbar sind liegt etwas mit der globaliesierten Kostengestalltung von WotC im argen…

    Zum Kommentar:
    Der Euken ist einer der Gründe warum ich mich nicht mehr an Drafts unter der Woche in Berlin teilnehme… 8 Leute am Tisch, einer der dafür sorgt das kein vernünftiges Draften zustande kommen kann und dann darf auch noch derjenige der am weitesten von diesem Randomisierer am Tisch platziert wurde, sich über das erste Bye, das Spiel gegen Euken freuen….

    Zu guter letzt:
    Mich würde interessieren ob die lokale Szene dort wo die in Deutschland verkauften Karten herstammen in dem maße davon profitiert das dort X PTQ´s mehr stattfinden, weil es sich in dem Land aufgrund der verkaufszahlen ja lohnt….

    Grüße noch aus Berlin, demnächst wieder aus einer etwas zivilisierteren Gegend

    ixc

  5. Nick Says:

    „wo bleiben die Turniere für Fortgeschrittene ?“

    Das kann ich dir auch nicht sagen aber das Release-Turnier zum Hauptset ist nun mal für Anfänger bestens geeignet um ihnen einen Einblick ins Limited-Format zu geben. Das die Karte dann Deutsch sein sollten ist offensichtlich.

  6. Fried Says:

    Wie so oft muss ich dir in allen Pukten zustimmen, nur leider scheint dieses Problem auf Deutschland beschränkt… überall sonst auf der Welt (d.h. US of A) wird ja gerade das Zusammenrücken von Pro & Casual-Community bis zum Erbrechen gefeiert …(Stichwort: PT San Diego)


  7. Deutsche Karten: Extra Geld für ausgeben würde ich nicht. Sonst ist es mir recht egal.
    Aber als Typ II Spieler hat mich einfach die “größer schneller weiter” Mentalität der neuen Karten aufgeregt.Es ist wie bei so vielen Sachen (Auch P&P RPGs) Jede neue Edition versucht es noch viel einfacher für Anfänger zu machen.
    Abgesehen davon dreht sich mir der Magen um wenn ich die neuen Karten sehe (Layout). Dagegen ist mir der weiße Rand einfach nur absolut egal.
    (Letztes TypII Deck aus dem Rath Cycle)

  8. Boneshredder Says:

    WotC geht in jüngerer Zeit ganz entschieden mit großen Schritten auf die Casual-Community(s) zu (man nehme nur mal die ganzen Timmie-Spoiler in der 10ten, die noncritter-Gewaltkarten wie Wildfire, BoW und Persecute ablösen). Daß die Ressourcen nicht vorhanden sind, den Pro-Support beizubehalten während man den Casual-Support ausbaut, ist klar. Daß dies dann nicht jedem paßt, ebenso. Ich für meinen Teil kann die Richtung, in die Magic gegenwärtig geht, nur befürworten, aber mir ist klar, daß ein Großteil der online-Community Pro-(und Pro-Wannabe-)basiert ist und sich auf dem Medium Internet aus selbigem Grund für diese Meinung nicht zwingend eine Mehrheit finden wird.


  9. Auf die Casual Community zuzugehen muss nicht zwingend bedeuten, sich von der Pro-Community abzuwenden. Finanzielle Investitionen sind natürlich eine andere Frage, aber da sind die Zeichen andere: Die Einführung des Pro Player Clubs ist ja nun keineswegs bereits so lange her!

    Wenn dort wirklich etwas eingespart weden müsste, dann gäbe es bestimmt bessere Wege, als heimlich Slots verschwinden zu lassen – zum Beispiel könnte man an Locations oder Prize Support sparen.

    Generell glaube ich nicht, dass da wirklich ein von WotC vorgegebener Tend zu verzeichnen ist, sondern dass in der komplizierten Konzernstruktur Dinge verloren gehen. In die sich widersprechenden offiziellen Statements kann man durchaus hineininterpretieren, dass Hasbro Deutschland aus Desinteresse oder schlicht eigenen finanziellen Erwägungen Vorgaben der internationalen DCI nicht umgesetzt hat.

    Ich bin sicher, dass der ganze Pro-Tour-Zirkus noch Einsparungsmöglichkeiten besitzt, falls das nötig sein sollte (oder falls die Exekutiven von Hasbro einfach keine Ahnung haben, wozu er eigentlich gut ist), aber ich bin mir AUCH sicher, dass eine vollständige Abschaffung der professionellen Ebene mittelfristig den Tod von Magic bedeutete!

    Profifussballer machen nur einen verschwinden geringen Teil der fussballspielenden Bevölkerung aus – die meisten kicken auf Amatauerniveau oder privat, auf Bolzplätzen, Wiesen und Schulhöfen. Wenn jedoch Bundesliga und Nationalmannschaften abgeschafft würden, dann würde das Interesse der Massen nach und nach erlahmen, und sie würden sich einer anderen Sportart zuwenden, die sie aus dem Fernsehen kennen.

    Magic BRAUCHT die Pro Tour, um sich Legitimation zu verleihen. Ohne diese ist es bald nur noch ein Spiel wie viele andere auch – ein Trend, der bald von einem neueren Trend abgelöst wird.

    Allerdings sehe ich im Gegensatz zu Dir auch keineswegs, dass der Support für die professionelle Ebene schlechter wird, sondern eben der für die Verbindungsebene zwischen Pros und Casual Players. Was an DIESER Entwicklung positiv zu sehen sein soll, entzieht sich meinem Verständnis.

  10. Boneshredder Says:

    Naja, dieses Verbindung-geht-verloren-Problem nehme ich nicht wirklich wahr. Am Magic Game Day will man eben eine Gruppe ansprechen, die so groß wie möglich ist, und da nimmt man konsequenterweise einfach den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wenn sich nun die Pros von deutschen Karten und einem Tag, an dem es mehr um Spaß als ums gewinnen geht, nicht alle angesprochen fühlen, wo ist denn da der Unterschied zu einem normalen Prerelease? (Mal abgesehen davon, daß ich bislang ohnehin keinen Unterschied zu einem normalen PR feststellen konnte.) Pro-Spieler werden dadurch ja nicht ausgeschlossen, aber würde man zusätzliche Hardcore-Turniere anbieten, würde sich der Fokus der Spielerschaft auch nur aufspalten und man hätte auf zwei Arten von Turnier jeweils eine deutlich geringere Teilnehmerzahl als nötig.

    Du erwartest im Grunde, nur weil das Ding diesmal einen anderen Namen trägt, daß da auch was anderes kommt, aber das ist eben nicht so. Das ist bloß ein Marketing-Gag.

    Abgesehen davon bezweifle ich, daß irgendwer in den verantwortlichen Stellen ernstlich überlegt, den Pro-Zirkus vollends abzuschaffen oder auch nur nachhaltig zurückzufahren. Die wissen selbst sehr gut, was die Magic-Größen an Werbewirkung für das Spiel haben (das wurde auch kürzlich erst wieder von Forsythe bekräftigt, iirc).


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