Backdraft Remembered

Ich besitze seit ein paar Tagen Morningtide-Booster, und ich spiele auch schon fleißig damit. Aufmerksamen (vielleicht passt das Wort “sensationshungrigen” besser?) Lesern ist es nicht entgangen, dass ich in den letzten Monaten ein wenig häufiger meine Freundin in meinen Magic-Veröffentlichungen erwähne: Das liegt nicht etwa daran, dass ich zum ersten Mal eine hätte, oder dass ich plötzlich besonderen Wert darauf legte, von ihr zu erzählen, sondern daran, dass ich mit ihr mehr Magic spiele als mit allen vorigen Partnerinnen, und dass sie deshalb meinen Themen und Gedanken näher ist, wenn ich über Magic schreibe. (Und dann ist da noch der Umstand, dass ich weiß, das sie alle meine Blogeinträge liest – hallo, meine Süße!)

In diesem Fall hat sie mich angesichts jener verlockenden Boosterstapel, die aufzureißen ich mich gerade anschickte, gefragt, ob man denn nicht auch zu zweit draften könne. So erinnerte ich mich an das gute alte Backdraft-Format, welches ich vor langer Zeit einmal erfunden hatte, und das ich Euch jetzt auch noch einmal vorstellen möchte:

Man benötigt für zwei Personen 8 Booster, oder alternativ eine andere farblich einigermaßen ausgeglichene Zusammenstellung von 120 Karten. Diese werden gemischt (man muss dabei nicht übermäßig gründlich vorgehen) und verdeckt abgelegt.

Dann legt ein Spieler die obersten acht Karten dieses Stapels offen aus. Er schiebt seinem Gegenüber eine davon zu. Dieser schiebt ihm zwei zu, erhält noch einmal zwei geschoben und gibt ein letztes Mal noch eine zurück. Zwei Karten bleiben so übrig und werden beiseite (auf den “Dummie-Stapel”) gelegt. Dann ist der andere Spieler mit Auslegen und dem Auswählen der ersten Karte an der Reihe.

Nach fünfzehn Durchgängen sind so alle Karten verdraftet, und jeder Spieler hat vor sich fünfundvierzig Karten zu liegen, die sein Gegner ihm (mehr oder weniger) gegönnt hat. Jetzt heißt es: 40-Karten-Decks bauen! (Nicht-Schnee-)Standardländer gibt es natürlich nach Wunsch.

Backdraft ist mein absolutes Lieblings-Limited-Format. Einmal ist das Draften selbst eine superspaßige Angelegenheit, wenn man verzweifelt darüber nachdenkt, welche der drei letzten Karten dem Gegner am wenigsten nützt, und ob man ihm eine starke Karte in einer Farbe geben kann, in der er hoffentlich nicht die kritische Masse erreicht, um sie spielen zu können (ich spiele es immer so, dass man die gedrafteten Karten einsehen kann, weil das spaßiger ist, aber Fortgeschrittene können sich natürlich auf ihr Gedächtnis verlassen). Andererseits freut man sich diebisch, wenn der Gegner sich einfach nicht entscheiden kann, welches unfreiwillige Geschenk er einem denn nun machen soll!

Weiterhin ist dieses Format sehr, sehr anspruchsvoll. Den Powerlevel der Karten einschätzen zu können, ist lediglich die Grundbedingung. Darüberhinaus ist man ununterbrochen damit beschäftigt zu analysieren, wie sich das eigene und das gegnerische Deck entwickeln! Welche Farben kann man selbst, welche könnte der Gegner spielen? Welche Kombinationen disqualifizieren sich selbst wegen zu krasser Anforderungen an farbiges Mana, welche ergeben eine zu plumpe Manakurve und welche bieten einfach zu wenig Power? Welche kleinen Kombos und Synergien sollte man dem Gegner besser nicht geben? Lohnt es sich vielleicht sogar, eine stärkere Karte zu opfern, um selbst eine zu erhalten, die einem selbst neue Optionen eröffnet? Welche Karten, die an sich schwach sind, wären gegen das jeweils andere Deck zufällig besonders gut? Im Idealfall bemüht man sich immer, dem Gegner in jeder Farbe gerade zu wenig Qualität zu geben, als dass er diese Farbe sinnvoll spielen könnte, und ihn somit zu einer vierfarbigen Monstrosität zu zwingen, während man selbst ein zweieinhalbfarbiges Deck mit guter Kurve und akzeptablem Powerlevel bekommt.

Schließlich machen die Decks einfach Spaß! Das große Problem von Sealed Deck sind nun einmal die Spoiler; jene Karten, die einfach Spiele durch ihre überproportionale Stärke entscheiden. Nun, diese Karten landen im Backdraft eben normalerweise beim Dummie (dem man aus seinen 30 Karten dann ein sehr interessantes “Haufen”-Deck voller Power bauen kann)! Der Powerlevel der Karten ist relativ ausgeglichen, und man spielt gelegentlich sogar freudig mit solchen, die man im normalen Sealed außen vor lassen würde, insbesondere, wenn man dadurch eine Farbe weniger im Deck hat.

Und dann ist da noch die Frage des Mehrwerts: Mit Boostern zu spielen, anstatt sie einfach nur aufzureißen, rechtfertigt den absurden Preis, den wir für unser süchtig machendes Hobby zahlen, wenigstens ein bisschen mehr. Und dafür ist es eben immens praktisch, mit jemandem zusammen zu wohnen, der selbst sehr gerne Magic spielt!

Ich kann Euch Backdraft nur empfehlen. Eine Warnung allerdings will ich Euch geben: Der bessere Spieler neigt dazu, zu gewinnen! Wenn Ihr es also gewohnt seid, Euch im Sealed oder selbst im Draft gelegentlich durchzulucken: Das kommt hier deutlich seltener vor. Insbesondere, wenn Eure Deckbau-Skills eingerostet sind, könntet Ihr Euch sehr verloren vorkommen, denn der Deckbau findet hier bereits beim Draften statt, und Ihr müsst zwei Decks gleichzeitig bauen bzw. “abreißen”.

Viel Spaß dabei!

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3 Comments on “Backdraft Remembered”

  1. Jones Says:

    Klingt witzig, ich kannte bisher nur “normalen” Backdraft, wo man das schlechtestmögliche Deck ganz normal zusammendraftet (mit Vorgaben wie “maximal drei Farben, 23 Karten ohne Länder, mindestens 12 Kreaturen”) und dann dem Gegner zum Spielen gibt – der darf natürlich die Manabase selbst zusammenstellen.

    Was hältst Du denn vom Winston-Draft? Den nutze ich seit Jahren für’s Boosteraufmachen zu zweit, Skill ist auf jeden Fall ein großer Faktor, man braucht nur sechs Booster und am wichtigsten: Mehr versteckte Informationen. Ich find’s eher langweilig, das ganze Deck des Gegners im Vorhinein zu kennen.

    Beste Grüße
    Jones

  2. beefman Says:

    schöne variante!!
    werd ich definitiv ausprobieren


  3. Jones: Habe ich in dieser Form noch nicht gespielt, klingt aber auch witzig.

    Warum ich trotzdem denke, dass ich meine Backdraft-Variante lieber mag:

    1. Müsste etwas schneller gehen, wenn ich mir den Vorgang des Winston vorzustellen versuche.

    2. Dadurch, dass man dem Gegner bei der Auswahl zusieht, hat man keine “Offtime”, in der man abwartet, während er mit versteckten Stapeln hantiert. (Außerdem verbringt man die ganze Zeit damit, in Gedanken zwei Decks zu bauen.)

    3. Die Spoiler sind draußen, während sie beim Winston ganz überraschend auftauchen können.

    4. Eigentlich mag ich das gerade, dass man den gesamten Kartenpool des Gegners (NICHt das Deck – so gut ist niemand!) kennt, denn dadurch kann man in seine Entscheidungen viel mehr Informationen einfließen lassen! Randomness besitzt Magic immer noch genug, aber so kann man das Spiel stärker beeinflussen.


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