Gedanken aus der Chefetage

Heute will ich Euch auf einen wirklich außerordentlich interessanten Artikel von Aaron Forsythe, dem Chef der R&D-Abteilung für Magic, hinweisen!

Er blickt auf das letzte Jahr zurück, und sein Fazit lautet im Wesentlichen: Alles wurde besser, schöner und größer! Na gut – von einem leitenden Angestellten dieser Firma kann man auch nicht erwarten, dass er groß herumjammert, aber tatsächlich scheint es aus seiner Sicht wirklich allerhand Grund zur Freude zu geben! Ich zitiere einmal einen zentralen Abschnitt:

* We have experienced a double-digit increase worldwide in the number of players participating in sanctioned events versus a year ago. We are currently at an all-time high in active tournament players.
* The number of locations hosting Friday Night Magic has increased by nearly a third versus a year ago.
* In its first six months, Magic 2010 boosters outsold Tenth Edition boosters in the U.S. by over 70%. While that may not surprise you due to M10’s large quantity of new content (which Tenth did not have), it sure surprised us!
* In its first three months, Zendikar boosters outsold Shards of Alara boosters in the U.S. by over 55%! That is a huge leap for a single year—in many areas, we had difficulty keeping up with the demand.

Mehr Verkäufe, mehr Turniere, mehr FNMs – alles mehr! Magic boomt wie nie zuvor!

…aber Moment einmal – gilt das eigentlich auch für Deutschland? Haben wir da nicht mit ganz eigenen Problemen zu kämpfen? Darüber habe ich ja schon ein paar Mal gebloggt, zum Beispiel hier und hier.

Deswegen habe ich mich noch einmal in die Untiefen der Turnierdatenbank der DCI gestürzt und geschaut, inwieweit das weltweite Wiederaufleben von Magic auch uns betrifft.

Zur Referenz: Eingestellt habe ich jeweils, wenn nicht anders angegeben, immer „Any Format, Any Type, Rated, Germany“.

Mein Erhebungszeitraum ist zunächst vom 1. September des Vorjahres bis zum 31. August des genannten Jahres (um Verzerrungen durch noch nicht reportete Turniere vom Jahresende zu vermeiden, und damit die betrachteten Jahre mit den erschienenen Magic-Erweiterungen zusammenfallen). So gelange ich an folgende Turnierzahlen:

2009: 6855
2008: 6567
2007: 7201
2006: 7637
2005: 7400
2004: 5834

Da ist tatsächlich ein leichter Anstieg zu verzeichnen, auch wenn der Rückgang seit der Mitte des Jahrzehnts dadurch noch lange nicht wettgemacht wird.

Um Zendikar nicht außen vorzulassen, hier auch noch die Zahlen aus dem Zeitraum jeweils vom 1. September bis zum 30. November eines Jahres (den Dezember mit hineinzunehmen hat halt leider keinen Sinn, da die Dezember-Turniere von 2009 mit Sicherheit noch nicht alle in der Datenbank sind – eigentlich kann man sich, dank der neuen Reporter-Software, da nicht einmal für den November sicher sein…):

2009: 1998
2008: 1512
2007: 1743
2006: 1888
2005: 1914
2004: 1812

Und wirklich hat Zendikar auch in Deutschland ein neues Hoch an RL-Turnieren mit sich gebracht! Aber wird man diese Erfolgsgeschichte in die Zukunft fortschreiben können?

Und wie sieht es mit dem dahinsiechenden Patienten Standard aus? Ich nehme diesmal die Zeit zwischen dem 1. Dezember des Vorjahres und dem 30. November des genannten Jahres zum Erhebungszeitraum, da für Standard das exakte Erscheinungsdatum neuer Sets nicht ganz so relevant sein dürfte.

2009: 1800
2008: 1979
2007: 2584
2006: 2903
2005: 2961
2004: 2414

Und schließlich zum Vergleich die deutschen FNMs (alle Formate, Erhebungszeitraum wie beim Standard, um den Zendikar-Effekt zu berücksichtigen):

2009: 2741
2008: 2993
2007: 3834
2006: 3808
2005: 3224
2004: 2543

Das FNM-Sterben in Deutschland geht also munter weiter, ebenso wie der Tod von Standard! Die Korrelation erscheint offensichtlich, aber was Henne und was Ei ist, stellt die schwierigere Frage dar: Stirbt Standard, weil die Läden sterben und niemand sonst ein Interesse daran hat, dieses Format zu organisieren? Oder sterben die Läden, weil mit dem Rückgang der Standard-Spielerschaft diejenige Kundschaft wegbricht, welche die Brickstores gegenüber der Internet-Konkurrenz noch am Leben erhielt? Und welche Rolle spielen die offensichtlich weiter an Beliebtheit zunehmenden Drafts für die Magic-Spielergemeinde insgesamt?

Und weiterhin bleibt die Frage: Wieso ist diese Entwicklung in Deutschland offensichtlich anders als im Rest der Welt? (Vielleicht hat ja jemand Lust, entsprechende Zahlen aus der Datenbank herauszuholen; ich habe da erst einmal genug getan.)

Zendikar hat ja auch bei uns wieder für mehr Begeisterung für Turniere gesorgt, allerdings wohl eher für Limited-Turniere. Ist das eine Trendwende oder nur eine kurze Erholungsphase dank eines wirklich gelungenen Sets (und des wirklich gelungenen Marketing-Stunts mit den Treasure Cards)?

Noch ein paar Dinge in diesem Artikel haben mich innehalten lassen – nein, nicht das Versprechen, (endlich) wieder gute blaue Karten zu drucken (bringt erst einmal Counterspell zurück, dann sehen wir weiter!), sondern zum Beispiel dieser Abschnitt:

We’ll be making a change to Intro Packs based on your feedback that will begin with Worldwake on Magic Online and the 2011 core set in paper. The intro decks will now be 60 cards rather than 41, the Intro Packs will still include a booster and a foil rare, and the MSRP of Intro Packs will go up less than a dollar, to $12.99. Enjoy!

Äh – wie bitte? Also, da ersetzen sie vor einigen Monaten die fertig spielbaren Preconstructed Decks durch diese unvollständigen “Intro-Packs”, und jede Menge Leute schreien, was für eine bescheuerte Idee das ist, während gleichzeitig jede Menge Leute ihnen sagen, Wizards’ Marketingabteilung hätte da mit Sicherheit ausführlich darüber nachgedacht und festgestellt, dass das eine bessere Lösung ist. Und jetzt, nachdem Wizards’ Marketing-Abteilung FEEDBACK erhalten hat (mit anderen Worten, nachdem ihnen jede Menge Leute gesagt haben, was für eine dumme Idee das ist), machen sie da einen Rückzieher, und das auch noch mit einer geradezu peinlichen Hektik? Online- und RL-Produkte unterschiedlich zu gestalten, das ist schon ein dickes Ding und ein Zeichen, dass da irgendjemand in diesem Konzern mächtig Druck gemacht hat! Wenn diese neuen Intropacks irgendetwas anderes als die totale Katastrophe gewesen wären, hätten Wizards mit dieser Nachbesserung doch wirklich so lange warten können, bis sie sie Online und RL synchron hätten durchführen können! Aber offensichtlich hat die Konzernleitung ihnen klargemacht, dass das Ganze am besten GESTERN zu geschehen hätte. Nun ja, RL-Produkt besitzt eben einen langen zeitlichen Vorlauf (offensichtlich sind die Intro-Packs für Rise of the Eldrazi ja bereits in Auftrag gegeben!), aber auf Magic Online lässt sich das Ganze ja mit ein paar Zeilen Programmcode hinbiegen…

Das macht mich in zweierlei Hinsicht nachdenklich: Offenbar war mein Vertrauen in die Fähigkeit von Wizards, solche Marketing-Entscheidungen sinnvoll zu treffen, unverdient! Ich meine: Den Kunden an Stelle von fertigen Decks unfertige als Einstiegsprodukt anzubieten, das ist keine Entscheidung, die man so nebenher als Testballon fällt, zumindest nicht, ohne zur Sicherheit doppelgleisig zu fahren (also vorübergehend beide Varianten anzubieten) – da sollte man sich besser wirklich schon GANZ sicher sein! Wie wichtig für den Konzern die Akzeptanz des Einstiegsproduktes ist, sieht man ja jetzt an Wizards’ überstürztem Zurückrudern.

Und dann ist da eben jene Tatsache, dass solche Fehler sich online um so viel leichter korrigieren lassen als mit richtigem Produkt… Das fällt gewiss auch Wizards auf, wie viel flexibler sie doch mit elektronischer Ware sind! Da fragt man sich schon bang, ob nicht irgendein Rationalisierungsgenie in den oberen Etagen vielleicht auf die geniale Idee kommen könnte, sich in Zukunft nur noch auf das digitale Spiel zu konzentrieren…

Und was mir noch auffiel:

These are cards that I enjoy as a player—someone who drafts, plays Elder Dragon Highlander, and builds decks on Magic Online from time to time.

Gibt das noch jemandem außer mir zu denken, wenn der ehemalige Pro und heutige R&D-Chef Forsythe so selbstverständlich zugibt, mit Constructed-Formaten eigentlich gar nichts mehr zu tun zu haben? Und dann sind da noch folgende Zitate aus seinen Kartenbesprechungen:

The straightforward concept, wacky mana cost, and ridiculous multiplayer power make it a winner in my book.

“Ridiculous multiplayer power” ist also etwas Gutes?

… he is nearly impossible to beat once he’s on the table.

…das ist ein positiver Aspekt?

I proclaimed it as my favorite card in Alara Reborn before the set was released, and I’m not going to let the fact that it’s in the most obnoxious deck currently in Standard sway my opinion. I love instants with cascade—they can lead to the most exciting blowouts—which is why I designed and lobbied for this card to be powerful.

“the most exciting blowouts”? “which is why I designed and lobbied for this card to be powerful”? Mit anderen Worten – DAS WAR ABSICHT, dass Standard seit der Cascade-Mechanik in hirnlose Topdeck-Wars degeneriert ist?

Wenn man das liest, wird einem klar, dass nicht Mark Rosewater derjenige ist, der Magic “töten” will, sondern  – na klar! – sein Chef, Aaron Forsythe! (Wobei seine Mission natürlich nicht ist, Magic zu töten, sondern Nicht-Casual-Constructedformate.) Diese Erkenntnis ist es, die Magic im letzten Jahr so groß gemacht hat:

Thinking is hard, but randomly winning by slapping down overpowered cards is FUN.

(Nein, das steht so nicht im Artikel.)

An dieser Stelle muss ich auch noch rasch auf den anderen heute erschienenen Daily MTG Artikel verweisen, der von Mark Rosewater stammt und wie üblich sehr lesenswert ist.

An einer Stelle schreibt Mark: One day, for QotD I asked for my followers to list the top three adjectives that they felt described Magic.

Hey Mark – I got three adjectives for you:

1. Expensive
2. Random
3. (still) Addictive

All hail the new ERA of Magic!

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10 Comments on “Gedanken aus der Chefetage”

  1. saber-ants Says:

    Schade das es nun keine Komentare mehr gibt hier!

    ich denk nicht das es an zendikar liegt das es mehr limited Turniere gibt – ich für meinen teil spiele jedes sealed – es wurden einfach mehr angeboten und die resonanz nimmt ja auch spührbar seit alara zu


    • Über die ausbleibenden Kommentare habe ich mich auch gewundert – an der Anmeldepflicht allein kann es ja nicht liegen, denn der vorige Beitrag wurde ja fleißig kommentiert!

      Wurde Limited wirklich mehr angeboten, oder hat sich das Angebot nicht eher einer gestiegenen Nachfrage angepasst? Wie man Forsythes Aussagen entnehmen kann, hat es seit M10 einen enormen Anstieg der Verkaufszahlen gegeben, und der hat wohl auch mit dem Mehr an Drafts zu tun.

      • renappel Says:

        ich denke mal das die gestiegenen verkaufszahlen die forsythe anspricht sich nur periphär auf draftmenge auswirken und einfach die neue marketingstrategie von splashy swingy spells bei den casuals die ja den großteil des umsatzes ausmachen gefruchtet hat… und außerdem kann ich mir vorstellen, dass bei den egomanischen amis diese here i rule kampagne extrem gut angekommen ist

  2. dasfwort Says:

    So, da habe ich mich dann doch noch angemeldet.
    Merke: dasfwort = endijian
    Und irgendwann werde ich in den Blog auch was reinschreiben.

    Zur Sache:
    Am interessantesten an der Intropackgeschichte finde ich, dass es so brennt, dass MODO vorgezogen wird.
    Um noch mal das gute Ashraf-Zitat zu bemühen:
    MTGO gewinnt keine Neulinge.
    Ein Satz, den ich eigentlich immer bejahen wollte. Aber wenn die Rückumstellung so drängt, das MTGO vorgezogen wird, dann muss er ja falsch sein. Normalerweise würde ich ja glauben, auf MTGO kauft eh keiner Intropacks, aber wenn das so wäre, dann könnten Wizards das auf Magic:Online auch bis M11 aussitzen, und sich die marketigtechnische Peinlickeit der asynchronen Rückumstellung sparen. Aber das passt gut in die Entwicklung, dass Magic:Online immer mehr den Casulspieler entdeckt (Community Challenge, Commondecks bei Neuccounts, etc).

    Ansonsten: Findest Du nicht auch, dass die Maro-Familie aussieht wie aus dem schlechten Klischeebuch für Amiwitze entkommen?
    :-)
    Diese Colageschichte hingegen… neenee…


    • Interessanter Einwand, den Du da bringst. Ich hatte darüber vorher nicht nachgedacht, aber ich denke, man muss zwischen Magic-Neulingen und MTGO-Neulingen unterscheiden: Ich teile absolut Ashrafs Meinung, dass MTGO keine Magic-Neulinge anzieht! Aber auch MTGO-Neulinge müssen irgendwo anfangen, und das sind eben nicht nur Turnierspieler, die sich gleich in die Drafts stürzen, sondern auch Casuals, die mit irgendwelchen Decks das Spielen anfangen wollen – und es gibt ja keine normalen Theme Decks mehr!

      Auch aus dem RL weiß ich, dass Casualspieler, selbst wenn sie schon lange dabei waren, häufig von neuen Sets Theme Decks gekauft haben. Diese Decks durch Intro Packs zu ersetzen war offensichtlich genau so eine dumme Idee, wie es auch auf den ersten Blick aussah!

      Übrigens: Warum hast Du Dich denn nicht Endijian genannt? Du musst doch Dein Blog nicht nach Deinem WordPressnamen benennen! “dasfwort” ist ja nun wirklich ein saublöder Nick…

      • chickenfood91 Says:

        mal überlegen…..
        den Namen gab es bereits!
        bei mir ja auch.

        btw, wenn sie die umsätze von den M10 GPs reingerechnet haben, dann ist es kein wunder um wie viel sie X. übertroffen haben.

        Als Mitarbeiter darf er nicht mehr “aktiv” spielen, ergo is es doch normal sich nicht mit den aktuellen Formaten zu beschäftigen. btw, auch wenn er ein ex-Pro-spieler ist, ist er exakt DAS. EX-spieler.
        Da Er nur noch “Casual” selbst spielt können sich seine lieblingskarten durchaus aus der fattie-parade rekrutieren. what’s the problem?
        Ich mag den Blast ja auch gerne, weis aber trotzdem das Cascade nicht das balancte keywort aller zeiten ist und “eigentlich” nicht gut für Standard ist.

        • chickenfood91 Says:

          *edit*: aus irgendeinem Grund hat er sich geweigert Großschreibung anzunehmen….


        • Ich glaube ja nicht, dass das Produkt bei den GPs da einen allzu nennenswerte Einfluss auf die Gesamtbilanz hat. Vergleiche es doch nur einmal mit den Prerelease- und Release EVents weltweit, da fallen die GPs doch bereits schon gar nicht mehr ins Gewicht.

  3. chickenfood91 Says:

    ich hab ja keinerlei vorstellung wie viel produkt da rausgehauen wurde, aber
    6 booster je spieler–> 6 spieler –>1 display
    –> je 36 spieler ein case

    das könnte amn auch einen GP hochrechnen wie viel das ist, dann gibt es noch sideevents.

    Aber was imho mehr ins gewicht fällt: da es ja Gp event ist, haben sich mehr Leute mit dem Format beschäftigt, also mehr getestet, also wurde da auch wieder mehr produkt verkauft, ergo haben da auch Leute an Release events teilgenommen, die eigentlich nur den GP mitnehmen wollten. quasi schneeballsystem.


    • Ich denke, auf einem GP wird ungefähr so viel Produkt geöffnet, wie es ein bis zwei der ganz großen Internethändler für ihre Einzelkartenbestände tun. (Und man muss auch sehen, dass nicht alle Spieler GP-Produkt – oder Limited-Produkt allgemein – ZUSÄTZLICH zu ihren üblichen Boosterkäufen erwerben, sondern oft stattdessen.)

      Aber ja; die Tatsache, dass es ein paat M10 GPs gegeben hat, kann möglicherweise Spieler dazu motiviert haben, vorher mehr zu testen. Aber ob das so ins Gewicht fällt? Eine PTQ-Saison wäre da schon etwas ganz anderes.


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