Meine Antwort an Georg

Auf meinen letzten Post hat Georg Schnurr (wer von Euch weiß eigentlich noch, wer das ist? Das war der Betreiber von McElder, dem Vorläufer von PlanetMTG, der hauptverantwortlich für den Aufstieg dieser heute unumstritten wichtigsten deutschen Magic-Seite war!) eine ausführliche Replik gegeben und diese sogar unter dem Titel “PMTG – MU – Magic-Community egoistisch??” ins Forum von PlanetMTG gestellt. Da zwischenzeitlich so viel in der Magic-Szene passiert ist, habe ich noch ein wenig abgewartet, um seine Frage an dieser Stelle zu beantworten: Nein – aber sie ist fürchterlich selbstzufrieden!

Am deutlichsten sieht man das wieder einmal an Magic Universe, wo die Redaktion zum wiederholten Mal Kritik an ihrer Tätigkeit mit demonstrativer Selbstverständlichkeit als unbegründet darstellt. Das wichtigste Zitat ist vermutlich dies hier:

“Jeder Autor freut sich über konstruktive Kritik und nimmt sich diese auch zu Herzen, aber Comments, die das Artikelprogramm in seiner Gesamtheit verreissen, sind wohl nicht angebracht.”

Noch etwas deutlicher formuliert: “Einige unserer Autoren sind zwar mies, aber wir, die Redaktion, machen gute Arbeit!”

Nein – machen sie nicht. Phips gibt sich in den Kommentaren zwar Mühe, das indirekt und doch möglichst unverblümt dadurch zu begründen, dass es in seinem Leben (und zweifelsohne auch in dem der anderen Redakteure) Wichtigeres gebe, als die Redaktionstätigkeit, aber das ändert nichts an dem Problem, dass sie ihren Job mies machen, und noch viel weniger an dem diesem vermutlich zu Grunde liegenden Problem, dass sie diesen Umstand nicht anzuerkennen bereit sind. Es sei doch alles gut so, wie es ist, und diejenigen, die das anders wahrnehmen, sollen gefälligst ihren Irrtum einsehen und Lob statt Kritik posten!

Aus dieser Reaktion spricht nicht nur Selbstzufriedenheit, sondern auch die Gewissheit, dass sich eh niemand anders fände, der es besser machte. Nun – damit haben sie wohl auch Recht!

Das wirkliche Problem allerdings, das hängt nicht mit einzelnen Personen zusammen, sondern geht deutlich tiefer. Magic macht eine Entwicklung durch, die in zehn Jahren im Nachhinein vermutlich griffig zu beschreiben und schlüssig zu erklären sein wird, die aber aus der Perspektive der Gegenwart schwierig auf den Punkt zu bringen ist. Ich versuche es trotzdem immer wieder:

Das Spiel hat sich geändert. Die Spielerschaft hat sich geändert. Da ist ein Zusammenhang.

Wieso gibt es nur noch so wenige gute deutschsprachige Magic-Autoren? Vielleicht, weil die Redakteure der deutschen Seiten sie nicht mehr so engagiert suchen und fördern? Oder sind diese Redakteure angesichts des Mangels an brauchbaren Schreibern hilf- und motivationslos? Diese Fragen braucht man nicht zu beantworten, denn beides gehört zusammen: Die Magic-Szene verändert sich. Vor zehn Jahren gab es noch kein Magic Online und noch keine Mythic Rares, dafür aber noch Counterspell. Das war ein anderes Spiel damals, und diejenigen, die es spielten und die ersten deutschen Magic-Seiten aufbauten, waren andere Spielertypen. Es ist nicht an der Szene vorbeigegangen, dass Online unterdessen vermutlich mehr Magic gespielt wird als im RL. Es ist ebenfalls nicht an der Szene vorbeigegangen, dass der Preis für kompetitive Standard-Decks sich vervielfacht hat. Und es ist ganz bestimmt nicht an der Szene vorbeigegangen, dass Magic-Karten unterdessen seit ca. acht Jahren für die Mehrheit der Spieler designt werden, die glauben, dass Counterspell overpowert sei, und nicht für die Minderheit derjenigen, die wissen, dass dies nicht so ist. Magic findet in einem neuen Umfeld statt, verlangt neue Ressourcen und erfordert andere (man kann gerne auch sagen, weniger) Skills. Natürlich zieht es damit andere Spielertypen an, und natürlich hat dies Auswirkungen auf die Community.

Was aber macht diesen neuen Spielertyp aus? Da finden sich gewiss mehrere Dinge, aber eine besonders treffende Antwort habe ich weiter oben bereits gegeben: Selbstzufriedenheit. Vor zehn Jahren war die Community noch kollektiv auf der Suche nach Wissen. Kaum jemand hätte von sich gesagt, dass er als Spieler nichts mehr dazuzulernen hätte. Heute sehen sich die tonangebenden Szeneköpfe alle bereits als fertige Meister. Magic Online sorgt dafür, dass das aktuelle Metagame (einschließlich der Decks to play) jederzeit bekannt ist. Mythic Rares sorgen dafür, dass eine finanziell geschiedene Zweiklassengesellschaft entsteht, die der Oberklasse konstant extra Gewinnprozente gegenüber der Unterklasse garantiert. Der immer spürbarer werdende Verlust der Interaktion zu Gunsten eines gegenseitigen Übertrumpfens mit überstarken Kreaturen, Sorceries und Planeswalkern macht vorausschauendes Spielen zu einer immer weniger wichtigen Fähigkeit. Der Paragon des neuen Spielertyps ist wohl Duodax – die maximal mögliche Diskrepanz zwischen großer Klappe und geringer Ahnung, gepaart mit tatsächlichen Erfolgen. Duodax wusste schon alles über Magic, als er damit anfing – nein, als er mit YuGi-Oh! anfing – nein, als er auf die Welt kam!

Zu dieser Selbstzufriedenheit kommt dann noch Desinteresse. Der moderne Magic-Spieler betreibt Magic bestenfalls als Zweitspiel neben Poker. Das Spiel wird durch eine Brille betrachtet, auf der Begriffe wie “Buy-in” und “Expected Value” geschrieben stehen. Magic ist es gar nicht mehr wert, dass man sich ausführlich damit befasst, sich darüber Gedanken macht, seine Zeit damit verbringt – Poker ist doch weit lukrativer! Die moderne Generation Magic-Spieler weiß bereits alles über Magic, was sie wissen will. Es gibt somit keine wirklichen neuen Erkenntnisse – also worüber soll man schreiben? Decklisten in Artikeln sind entweder schlecht (weil sie sich noch nicht auf MTGO bewährt haben) oder veraltet (weil sie sich bereits auf MTGO bewährt haben).

Ergibt das für Euch Sinn? Ja? Nein? Fast?

Wie ich schon sagte – es ist schwierig, eine Entwicklung zu analysieren, während sie passiert. Fakt ist aber: Magic hat sich geändert, und das nicht zum Guten. Vor zehn Jahren haben Wizards damit aufgehört zu versuchen, ein immer besseres Spiel zu erschaffen und damit begonnen zu versuchen eines zu schaffen, was sich immer besser verkaufte. Ihr kennt natürlich diese Fernsehquizfragen für Gehirnamputierte (“Wie nennt man das Gerät, auf dem in den USA Hinrichtungen vollzogen werden? A – Elektrischer Stuhl; B – Hölzerner Tisch”). Ich bin alt genug, um mich noch an Quizfragen zu erinnern, deren Antwort nicht für jeden sofort offensichtlich war. Wieso werden diese Fragen eigentlich immer noch leichter, wenn man doch heutzutage selbst bei schwierigsten Fragen innerhalb weniger Sekunden die Antwort ergooglen kann? Klar – damit auch wirklich niemand sich überfordert fühlt und deswegen nicht mitspielt!

Das ist die Richtung, in die Magic sich entwickelt: Eine Verbreiterung der Spielerbasis auf Kosten der Spielqualität. Ist es da ein Wunder, wenn die Spielerschaft von heute eine andere ist als die von damals?

Georg, ich bin in der Magic-Szene hauptsächlich deswegen nicht mehr aktiv, weil ich mich mit dem Produkt Magic nicht mehr identifiziere, und weil ich mich auch mit der Magic-Spielerschaft immer weniger identifiziere. Ein Blick in einen der jüngeren Threads im Forum des Planeten sollte genügen um zu demonstrieren, warum ich mich dort nicht mehr wohlfühle. Ja, das ist natürlich auch eine Form von Gleichgültigkeit: Es ist Resignation. Meine sporadischen Aktivitäten auf Zeromagic oder als Kommentator bei MU sind nur Rückzugsgefechte, ein verzweifeltes Beatmen eines längst dahingeschiedenen Ertrunkenen aus Pflichtgefühl, aber ohne echte Hoffnung.

Und nein, früher WAR nicht alles besser, ganz bestimmt nicht! Aber: Früher WURDE alles besser. Diese Tendenz hat sich umgekehrt: Magic hatte von Beginn an gewaltige Probleme, und seine Macher haben damals teilweise erschreckend lange gebraucht, um diese zu lösen, aber sie haben das Spiel damals konstant verbessert. Heute gibt es eine andere Zielsetzung: Kein besseres Spiel verkaufen, sondern das Spiel besser verkaufen. (A oder B?)

Gewiss: Meine Formulierungen werden den meisten von Euch zu dramatisch sein. Aber ein Hobby, welches dermaßen viel Geld und Zeit frisst wie ein Sammelkartenspiel, muss sich nicht DRAMATISCH verschlechtern, damit man es aufgibt – es muss sich nur beharrlich und ohne Hoffnung auf Besserung unterhalb des Punktes bewegen, an dem die Freude und Faszination daran die erheblichen Ressourcen, die es fordert, nicht mehr aufwiegen. Magic ist für mich, und gewiss für viele andere auch, unter diesen Punkt gesunken. Andere finden dadurch allerdings erst Zugang dazu. Das Spiel liegt jetzt in ihren Händen. Die Zukunft gehört Duodax, MartenJ und DSD-Steve.

Georg: Ich werde mich gewiss nicht erneut für dieses Spiel oder diese Szene massiv engagieren. Ich bin kein wiedergekehrter Retter aus der Vergangenheit. Ich bin lediglich der Chronist des Niedergangs.

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3 Comments on “Meine Antwort an Georg”

  1. schmirglie Says:

    Nein, ich sag dir was du bist (und ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde): Du bist ein alter, verbitterter Mann.

    Was ich aber überhaupt nicht verstehe ist deine Motivation. Ich meine klar, Abschied nehmen ist schwer und so. Aber vom Turnierspiel hast du dich ja schon verabschiedet. Warum dann nicht auch von den TurnierspielERN? Was genau bringt es dir denn, den Chronisten zu spielen? Damals, im Holocaust, da gab es die auch. Aber da war deren Leben direkt betroffen, die konnten nicht sagen: “Passt mir nicht mehr so, mach ich halt was anderes”. Du kannst das! Oder könntest zumindest. Scheinbar willst du aber nicht. Verstehe ich nicht.

    Und ich sag dir nochwas: Ich spiele sehr viel Magic. Aber fast ausschließlich online, weil echte Karten sind teuer, stimmt. Wenn ich vernünftig arbeiten würde, statt dauernd Modo zu zocken, könnte ich mir das wahrscheinlich aber sogar leisten, auch als Student. Stattdessen verzichte ich lieber drauf, spare das Geld und zocke mehr Modo. Warum? Weil es Spaß macht! Und das ist mir das Wichtigste. Nicht, dass ich damit nebenher etwas Geld verdienen kann (nicht nach Studenlohn fragen, wie das mit der Arbeit ist hab ich ja schon gesagt), obwohl ich, wie du es ja anprangerst, gewinnorientiert spiele und mich für Bye-Ins und EVs interessiere. Ich denke, dass ich eine realistische Selbsteinschätzung habe. Ich denke aber auch, dass ich eine realistische Einschätzung des Spiels habe. Und das erste schreibst du irgendwie den allermeisten Spielern ab, die du so im Internet “kennen lernst”, das zweite hast du nicht, oder keinesfalls wirklich, weil du das Spiel nicht mehr spielst. Ich mag nicht alle Turnierformate. Aber ich finde immer welche, die mir gefallen. Und ich habe Spaß daran. Und du?

    Und da wären wir wieder bei der Frage nach der Motivation.


    • Ich habe immer noch Spaß am SPIEl Magic. Ich habe allerdings den Spaß am PRODUKT Magic und an der Magic-Szene verloren.

      Und ja, ich kan, will und werde mich etwas anderem zuwenden. Aber es ist nicht so einfach, wenn man jahrelang täglich seine Lieblings-Magicseiten aufgerufen hat, dies nicht mehr zu tun. Da es aber auch nicht schön ist, deren immer rascheren Verfall zu beobachten, werde ich mich davon lösen müssen.

      Vielleicht können es andere, aber ich kann mich nicht von dem Hobby, welches vermutlich die meiste meiner Zeit, auf jeden Fall aber mit Abstand mein meistes Geld gefressen hat, von heute auf morgen verabschieden. Ich verbinde sowohl mit dem Planeten als auch mit MU viele schöne Erinnerungen, um deretwegen ich diese Seiten immer wieder besuche, und ich verfolge die Spoiler neuer Sets immer noch mit der selben Spannung wie früher – nur eben auch mit weit größerer Entttäuschung.

      Es ist ein sehr unpassendes eispiel, abr nachdem Du schon den Holocaust ins Spiel gebracht hast, kommt es auch nicht mehr darauf an: Wenn eine Frau, die man geliebt hat, schwer krank wird und man zusehen muss, wie sie verfällt, dann ist das schlimm – abr immer wieder, wenn man sie ansieht, findet man in ihren Gesichtszügen doch noch eine Erinnerung an die Schönheit, die man einst geliebt hat. Es gibt immer noch einzelne Karten aus neuen Sets, die mich freuen. MaRo schreibt immer noch gute und lesenswerte Artikel. Auch in der deutschen Szene findet man immer wieder Hoffnungsschimmer, wie zum Beispiel den fleißigen Ormus, der MagicBlogs aufgebaut hat, oder einen unterhaltsamen Artikel von Tobi, MiDi oder Handsome. Ich sehe immer wieder ein kleines Nachglimmen dessen, was mir an der Magic-Community einst so gefallen hat, und das macht den endgültigen Abschied schwerer.

      Und dann ist da noch die Sache mit dem scheinbar sinnlosen Kampf gegen Windmühlenflügel. Sicher, gegen Dummheit, Boshaftigkeit und Ignoranz im Internet kann man nicht gewinnen. Aber muss man diesen Kampf gewinnen könne, um ihn zu führen? Ist es nicht wichtig, ihn zumindest nicht vollständig aufzugeben?

      Es besteht kein wirklicher Unterschied zwischen einer Redaktion, die Kritik an ihrer Inkompetenz als Griesgrämerei einer angeblichen Minderheit abtut (und das im selben Absatz, in dem sie bejammern, dass sie für ihre Arbeit nur Tadel und kein Lob erhalten!) und einer Regierung, die ihr eigenes Versagen schönredet und dem politischen Gegner anlastet. Es sind verschiedene Patienten, aber es ist die gleiche Krankheit mit den gleichen Symptomen. Und im Magic-Bereich kenne ich mich im Unterschied zur Politik wenigstens hervorragend aus und weiß, dass er auch seine schöne Seiten hat.

      Wenn man sich über etwas nicht ärgert, bedeutet das letztlich nur, dass es einem nicht wirklich wichtig ist, und ich bun noch nicht ganz so weit zu sagen, Magic und die Magic-Szene sind mir nicht mehr wichtig – das wäre zur Zeit einfach noch gelogen.

  2. frankohlhof Says:

    So dieses Thema muss ich doch einfach einmal kommentieren und hab mich extra dafür angemeldet.

    Ganz vorne weg: 100% True!

    Ich fühle ganz genau so wie du, zwar war ich nicht so lange aktiv wie du aber die zeit von mirrodin bis timespiral war doch eine sehr schöne zeit von magic und ich kann mich auch nicht mehr mit dem spiel identifizieren und so ziemlich alles was du schreibt hätte auch von mir kommen können. Die Leute die ich per icq vollgelabert hab deswegen wissen, dass ich genau das gleiche wie du vermisse und bemängele und auch nicht mehr das aktuelle spiel betreiben will.
    Wie die vielleicht nicht entgangen ist wurde ich auf pmtg Gebanned. Wobei es weniger ein gebanned werden ist, als ein flehen nach erlösung, endlich frei zu sein von diesem spiel, welches ich im Kern sehr gemocht und geliebt habe, aber die entwicklung einfach zu krass ist.

    Also ja was soll man dazu noch sagen. schade, es war nett mit mtg und vielleicht sieht man sich ja mal wieder falls sie wieder zu den wurzeln zurück kehren

    Gruß

    Frank_O


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