Winter Orb coming full circle

Vor langer, langer Zeit gab es einmal eine Regel in Magic, dass die Fähigkeiten von Nichtkreaturartefakten nicht aktiv waren, so lange diese Artefakte getappt waren. Diese Regel war höchst bedeutsam: So wurde zum Beispiel das Finale der allerersten Magic-WM maßgeblich dadurch entschieden, dass Zak Dolan seine Howling Mine (welche er nur deswegen spielte) immer am Ende seiner Runde mit einem Icy Manipulator tappte, so dass nur er derjenige war, welcher Extrakarten zog. (In der damaligen Coverage dieses Spiels las sich dies: “…denied his opponent the extra card by tapping his Howling Mine at the end of his turn” – was zahllose Möchtegern-Pros ohne wirkliche Ahnung von diesem Spiel, welche es auch damals schon gab, dazu veranlasste, ihre Howling Mines am Ende ihrer Runde EINFACH ZU TAPPEN und sich oberschlau vorzukommen…) Mana Crypt besaß damals keinen Nachteil, wenn man sie in seinem Upkepp für Mana tappte und dieses verbrauchte (das musste man jedoch, weil es damals natürlich noch Mana Burn gab, aber mit Mana Vault und Basalt Monolith im Deck war das selten ein Problem).

Die zur damaligen Zeit mit Abstand am häufigsten gespielte Karte, bei welcher diese Regel relevant war, war jedoch Winter Orb. Ein dominanter Decktyp im damaligen “Type 2” (aus dem bald Standard werden sollte, auch wenn die Magic-Community über ein Jahrzehnt brauchen würde, um sich an diese neue Bezeichnung zu gewöhnen) wurde “The Prison” genannt. Es basierte auf Manaartefakten (das waren damals hauptsächlich die Diamonds aus Mirage, sowie Fellwar Stone und Mind Stone), Icy Manipulator und eben Winter Orb, mit dem einen oder anderen Kismet darin. Seine Hauptfarbe war Weiß für Wrath of God, Swords to Plowshares, Armageddon und Disenchant. Ziel dieses Decks war es natürlich, dafür zu sorgen, dass der Gegner kein Mana zur Verfügung hatte, man selbst hingegen schon. Winter Orb zwang den Gegner, kontinuierlich Länder nachzulegen, so dass Armageddon um so vernichtender war. Icy Manipulator tappte jeweils das Land, welches der Gegner enttappte, in dessen Upkeep. Wenn man zusätzlich noch Kismet draußen hatte, stand dem Gegner somit niemals in seiner Hauptphase ein ungetapptes Land zur Verfügung. Disenchant kümmerte sich in der Hauptsache um gegnerische Manaartefakte.

Viele unerfahrene Spieler tappten auch in diesem Deck vorzugsweise den eigenen Orb mit dem Icy, um ihn am Ende der gegnerischen Runde abzuschalten und selbst mehr Mana zur Verfügung zu haben. Wenn man aber nicht gerade in einer Runde Extramana zum Beispiel für einen Wrath brauchte, war dies in der Regel nicht so stark, wie dem Gegner sein Mana zu versagen. Trotzdem war die Interaktion von Icy Manipulator und Winter Orb bald jedem Turnierspieler wohlbekannt, auch wenn The Prison aus heutiger Sicht wohl hauptsächlich ein Anti-Necro-Deck war, welches Kapital sowohl aus dessen Manahungrigkeit, als auch aus dessen Unfähigkeit, Artefakte anders als mit Nevinyrral’s Disk zu entfernen (und dafür hatte man ja seine Disenchants) schlug.

Dann kam die Regeländerung, welche auf die Abschaltkondition für getappte Artefakte schlicht verzichtete, um das Spiel zu vereinfachen. Da das Spiel allerdings nur vereinfacht, nicht jedoch komplett umgekrempelt werden sollte, erhielten ausgewählte Karten – namentlich Winter Orb, Howling Mine und Static Orb – Errata, damit sie weiterhin so funktionierten, wie man es gewohnt war.

…außer, dass sie diese Errata NICHT erhielten, obwohl es offiziell angekündigt worden war! Es gab damals schon ein Oracle-Dokument online, welches wie heute auch offiziell einzig maßgeblich für die Interpretation aller Interaktionen zwischen Karten war. In diesem Oracle tauchten die Errata zu Winter Orb & co nicht auf. Nicht in seiner ersten Veröffentlichung nach der Regeländerung, nicht in seiner zweiten, und auch nicht in seiner dritten. Monate gingen ins Land, und in Turnieren weltweit mussten Judges ihren Spielern erklären, warum sie Oracle im Fall dieser Karten NICHT als Grundlage für ihre Entscheidungen nahmen, obwohl sie ansonsten doch darauf bestehen mussten, dass dieses vor dem aufgedruckten Kartentext Vorrang hatte (ein Konzept, welches damals vielen Spielern noch fremd war und teilweise erbitterte Proteste hervorrief)! Die damalige DCI wusste um das Problem und versprach immer wieder Abhilfe, doch es passierte einfach nichts. Das offizielle Dokument mit den offiziellen Kartentexten für offizielle Turniere wurde einfach nicht mit dem für die offiziell bestehenden Regeln gültigen Text upgedatet!

Ich glaube, es war nach dem dritten Oracle-Update nach der Regeländerung, als mir endgültig der Kragen platzte, nachdem ich als Erstes den Eintrag für Winter Orb überprüfte und feststellen musste, dass er IMMER NOCH MICHT korrigiert worden war. Ich schrieb auf der damaligen Judge-Liste (auf der sich auch diejenigen Personen befanden, welche die Funktionen des heutigen Rules Managers ausfüllten) einen Flame-Post, in dem ich unmissverständlich auf die Untragbarkeit der aktuellen Situation hinwies und den dafür verantwortlichen Personen die Kompetenz absprach, ihren Job zu machen. Es gab eine Riesenwelle auf der Judge-Liste, und ein oder zwei Tage später wurde ich dort hinaus geworfen – aber eine Woche später wurden auch die entsprechenden Einträge im Oracle endlich korrigiert!

Ja, das ist die Wahrheit: Monatelange freundliche Erinnerungen und höfliche Beschwerden von Dutzenden Judges hatten keinerlei Wirkung gezeigt. Erst ein handfester Skandal sorgte dafür, dass die zuständigen Leute endlich ihren Arsch hochbekamen! Daran muss man immer denken, wenn angesichts einer unhaltbaren Situation ein ruhiger, angemessener Umgangston eingefordert wird (was ja eigentlich sehr zivilisiert und vernünftig klingt): Höflicher, “angemessener” Protest wird in vielen Fällen schlicht als Gelegenheit willkommen geheißen, eine Angelegenheit auszusitzen. Erst lautes Schreien bewirkt häufig etwas! Wäre von Guttenberg lediglich höflich und zurückhaltend kritisiert worden, wäre er heute noch im Amt. Es heißt zwar “Wer schreit, hat Unrecht”, aber in der Praxis gilt häufig nur “Wer nicht schreit, wird ignoriert”.

(Für ein Beispiel aus dem täglichen Leben empfehle ich diesen höchst aufschlussreichen Eintrag des Atogs zu lesen, in dem dieser deutlich demonstriert, wie Zurückhaltung dazu führt, dass die eigenen Anliegen ignoriert werden – und zwar aus Sicht des Ignoranten.)

Zurück zum Winter Orb: Die offiziellen Errata befanden sich also nun endlich auch im offiziellen Dokument mit den Kartentexten, und schon bald wurden Static Orb und Howling Mine auch in Grundsets mit diesen korrigierten Wordings gedruckt. Winter Orb hingegen verließ das Grundset vermutlich für immer.

Und jetzt, über ein Jahrzehnt nach dem damaligen Winter-Orb-Fiasko entscheidet der heutige Rules Manager, dass dieses Erratum wieder rückgängig gemacht werden muss, weil er nichts davon hält, Errata zu verteilen, nur damit eine Karte ihrer Intention unter den Regeln, unter denen sie entstanden ist, gerecht wird! Witzigerweise betriftt das ausschließlich den Frostbringer, da die anderen beiden Karten ja unterdessen in einer veränderten, gedruckten Version vorliegen.

Ich kann diese Entscheidung nicht wirklich nachvollziehen! Einerseits werden wir bei jedem Oracle-Update mit neuen, superumständlichen Regeltexten, die sich kein Mensch merken kann, bombardiert, nur damit irgendwelche obskuren Karten, welche zum großen Teil bereits unter den DAMALIGEN Regeln nicht richtig funktionierten, weil sie so schlampig formuliert waren, möglichst nahe an die VERMUTLICH intendierte Funktion ihres originalen Kartentextes heran kommen. Häufig würde eine minimale Abweichung von dieser möglicherweise (oder auch nicht) beabsichtigten Funktion einen weitaus simpleren und nachvollziehbareren Kartentext ermöglichen, aber nein – kompliziert geht vor!

Wenn allerdings eine Regeländerung einer Karte den funktionalen Boden unter den Füßen weg zieht, dann ist plötzlich ihre ursprünglich intendierte Funktion nicht mehr relevant? Deswegen tappt jetzt Master of Arms in meisterlicher Weise seine Blocker, ohne dass dies eine zusätzliche Wirkung hätte (zu der Zeit, zu der diese Karte gedruckt wurde, machten getappte Kreaturen keinen Kampfschaden, und natürlich ging es den Machern dieser Karte auch GENAU DARUM)?

Das Credo scheint zu lauten: Absichtliche, gut gemeinte und sinnvolle Veränderungen der Funktion einer Karte werden rückgängig gemacht (so zum Beispiel auch alle “Power Errata”) – unbeabsichtigte, versehentliche Kollateralschäden durch Regeländerungen hingegen nicht! Das muss ich nicht verstehen, oder?

Vor allem aber entsteht durch diese Politik eine furchtbare Uneinheitlichkeit. Jetzt funktioniert also Static Orb, DER BEWUSST ALS WINTER-ORB-VARIANTE DESIGNT WORDEN WAR, anders als Winter Orb – ganz großes Kino! Ich hoffe ja nur, dass Gate to Phyrexia in Ruhe gelassen wird – bei dieser Karte (ebenso wie bei den alten Clockwork-Kreaturen) wurde die ursprüngliche Intention nämlich dadurch außer Kraft gesetzt, dass sie einfach von allen Leuten anders gespielt wurde! Eigentlich sollten die Clockwork-Kreaturen ihre Counter nicht erst am Ende des Kampfes verlieren, sondern sofort, wenn sie angriffen oder blockten – und Gate to Phyrexia machte das Opfern einer Kreatur im Upkeep zur Pflicht!

Sehr bald jedoch gaben die damaligen Entscheidungsträger nach und stimmten zu, dass diese Karten so gespielt werden sollten, wie die Leute sie auch verstanden, und nicht so, wie es allgemein als idiotisch angesehen wurde. Aber da Master of Arms beweist, dass “idiotisch” keinen Hinderungsgrund darstellt, um ein Erratum von einer Karte zu entfernen, mache ich mir ernsthaft Sorgen, denn Gate to Phyrexia ist in seiner bestehenden Form eine sehr schöne (und durch die Philosophie von Schwarz auch hinreichend gedeckte) Möglichkeit für Schwarz, mit Artefakten klar zu kommen. Color Pie hin oder her: Schwarz war im originalen Mirrodin-Block-Constructed nicht zuletzt deswegen komplett bedeutungslos gewesen, weil es als einzige Farbe keine Optionen besaß, Artefakte auszuschalten. In einer artefaktreichen Umgebung sind Karten wie Gate to Phyrexia und Phyrexian Gremlins wichtige Bestandteile.

Nochmals zurück zum Winter Orb: Jetzt, bald achtzehn Jahre, nachdem diese Karte ursprünglich gedruckt wurde, besitzt sie also endlich die Funktionalität, welche sie von Anfang an hätte haben sollen – denn die Extraregel für getappte Artefakte WAR überflüssig, und die Tricks, welche damit möglich waren, waren niemals intuitiv oder gut für das Spiel – aber das Erbe dieser merkwürdigen Regel lebt in Static Orb, Howling Mine und sogar in einigen weiteren neueren Karten, welche gezielt mit solchem Text gedruckt wurden, weiter. Es ist jetzt zu spät, diesen Blödsinn aus Magic wieder zu entfernen, und deswegen ist es dumm und inkonsequent, ausgerechnet den Hauptgrund, warum das Spiel auf diesen Abweg geraten ist, korrigieren zu wollen, nur weil diese Karte es nach der Regeländerung nicht mehr in ein Grundset geschaft hat!

Andererseits kann man das heute aber wohl machen, und zwar aus dem simplen Grund, dass kaum jemand deswegen aufschreien wird. Ich selbst benutze für meine Limited-Umgebungen eh keine Karte aus diesem Umfeld (weil diese erstaunlicherweise alle dazu neigen, unspaßige Spielsituationen zu erzeugen), und was den Rest der Welt angeht: Winter Orb ist nur noch in Vintage und Legacy legal, und die Zeit, in der er in diesen Formaten eine Rolle spielte, ist schon lange vorbei. Oh, und am Casual-Tisch macht sich ein Winter-Orb-Spieler ja fast so unbeliebt wie einer, der es wagt, eine Sheoldred zu countern…

Aus der Perspektive eines Spielers, welcher aus heutiger Sicht beinahe von Anfang an dabei war (ich betrachte mich ja immer noch als Magic-Spieler der zweiten Generation), nimmt dieses Spiel tatsächlich erstaunlich verschlungene Pfade!

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2 Comments on “Winter Orb coming full circle”


  1. Müsste man jetzt nicht konsequenterweise allen Walls, die nie mit Defender reprintet wurden, ebendas wieder wegnehmen? (Ist mir beim Lesen von Maro’s Artikel heute aufgefallen …).


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