Die dunkle Seite der Karte

Ich werde Euch nicht erklären, worüber ich in diesem Eintrag blogge. Wenn Ihr das nicht mitbekommen habt, seid Ihr hier falsch: Zeromagic wendet sich an Magic-Interessierte. Wenn Ihr nicht deswegen hier seid, dann vermutlich, weil Ihr Euch generell für das interessiert, was ich schreibe. In diesem Fall verweise ich Euch sicherheitshalber auf mein “richtiges” Blog (und vor allem auch den Ort, an dem ich meine Geschichten veröffentliche), Ein Platz für Andi, sowie auf meinen Twitter-Account, auf dem meine englischen Kommentare sich zumeist mit Magic befassen, und meine deutschen in der Regel mit allem anderen.

MaRo twittert: “To truly understand the double-faced cards, you have to hold them in your hand. They are a thing of aesthetic beauty.”

Ich glaube ihm, dass diese Karten, wenn man sie in der Hand hält, toll aussehen. Aber wieso beschränkt er seine Forderung nach Ästhetik auf diesen Fall?

Niemand wird wohl behaupten, dass es irgendetwas anderes als eine ästhetische Abscheulichkeit ist, diese Checklist-Karten in seinem Deck zu haben! Das ist aber notwendig, wenn sich nicht alle Karten in gleichartigen, undurchsichtigen Hüllen befinden, was in vielen Casualrunden, sowie fast immer im Limited-Runden nicht der Fall sein dürfte. Wer die Ästhetik dieser Karten als schlagendes Argument anführt, der impliziert damit, dass sie auch tatsächlich (an Stelle dieser unendlich hässlichen Checklist-Karten) gespielt werden, und damit wiederum, dass alle ihre Spieler undurchsichtige Hüllen benutzen. Das allein stellt schon eine ziemliche Zumutung dar! Nichtsdestotrotz ist dies eine Forderung, die man an seine Spielerschaft prinzipiell stellen kann, wenn das Gameplay es erfordert und einem entsprechend viel Gegenwert dafür geboten wird. Das ist hier aber nicht der Fall: Diese Regel wird durch genau zehn Karten aus über Zehntausend erforderlich (und auch wenn die nächsten Sets dieses Blocks weitere bringen, wird sich diese Größenordnung nicht wirklich ändern), und sie führt tatsächlich sogar zu schlechtem Gameplay, da man die Karten aus den Hüllen, welche sie gerade erforderlich machen, ja heraus nehmen muss, um ihre spezielle Mechanik zu nutzen! Was ist daran ästhetisch?

MaRo twttert: “If you lead design by the head, players will enjoy the card list. If you lead design by the heart, people will enjoy the cards.”

Er erklärt uns hier in seiner typischen Oberlehrerart (die ich übrigens keineswegs generell als unangenehm empfinde, wenn sie aus tatsächlich vermitteltem Wissen resultiert – ich teile nicht die Abneigung der meisten Leute, von klügeren/gebildeteren/kompetenteren Menschen etwas erklärt zu bekommen!), dass die Beurteilung der neuen Karten eines Sets nicht auf der theoretischen, abstrakten Ebene verbleiben darf. Damit hat er natürlich Recht! Aber erstaunlicherweise bleibt er trotzdem auf halbem Weg stehen, denn um Spaß an Spielkarten zu haben, genügt es eben nicht, sie zu sehen und anzufassen – sie müssen Spaß machen, wenn man mit ihnen spielt! Nun macht es bereits wenig Spaß, mit Checklisten-Karten zu spielen, sowie Karten in undurchsichtigen Hüllen zu wenden. Noch weniger Spaß macht es jedoch, mit solchen Karten zu draften, was bei weitem nicht nur meine präferierte Form des Spielens mit Magic-Karten ist, wie sowohl Umfragen unter Turnierspielern, als auch die zunehmende Popularität von “Cubes” beweisen! Wenn man nicht sämtliche zu verdraftenden Karten im Vorhinein (bzw. spätestens beim Öffnen der Booster) in Hüllen steckt (was nur in absoluten Ausnahmefällen jemals gemacht werden dürfte), dann muss man das tun, was die offiziellen Regeln für diesen Fall auch tatsächlich vorsehen: Sich damit arrangieren, dass jeder am Draft beteiligte Spieler diese Karten auf einen Blick als solche erkennen und ohne besondere Mühe auch exakt identifizieren kann! Die Implikationen, die das für den Verlauf eines Draftes hat, sollte sich jeder selbst ausmalen können: Mit einem einzigen Pick kann man jedem am Tisch unmissverständlich zeigen, welche Farbe man draftet! Darüberhinaus erlauben die geänderten Draftregeln nun auch ausdrücklich, den Stapel mit bislang gedrafteten Karten umzuordnen. Befinden sich mehrere Drafter an einem Tisch, die sich gemeinsam vorbereitet haben, können sie miteinander nun also auf völlig legale Weise an Hand eines vorher abgemachten Systems kommunizieren, wie sie Farben untereinander aufteilen wollen! Solche Absprachen, welche einigen Spielern erhebliche Vorteile verschaffen können, werden praktisch unmöglich zu unterbinden. Doch selbst ohne Absprache werden Drafts nun häufig auf jene Form des “verteilten Sealeds” reduziert, an welches die älteren unter Euch sich möglicherweise noch aus Rochester Draft Zeiten erinnern: Sobald die Farben aller Drafter am Tisch bekannt sind (die einander logischerweise nach Möglichkeit aus dem Weg gehen), verkommt das Picken der Karten rasch zu einer bloßen Kartenstärkebewertung. Die Unsicherheit ob der gewählten Farben, das Lesen und Geben von Signalen, die Wendepunkte, an denen man sich noch umentscheiden kann – all die Dinge eben, welche die Herausforderung und den Spaß beim Booster Draft ausmachen, bleiben so auf der Strecke. (Oh, und zumindest mein ästhetisches Empfinden reagiert äußerst gereizt auf die Vermischung normaler Kartenrücken mit denen doppelseitiger Karten! Noch ein Schlag gegen MaRos ästhetisches Argument.)

MaRo twittert: “But Magic without innovation will die. It is a game about exploration not just for all of you but for us as well.”

So wahr dieser Allgemeinplatz auch ist, so sehr missbraucht ihn MaRo als Totschlag-Argument. Ja, Neuerungen und Veränderungen sind wichtig, aber das bedeutet im Umkehrschluss nicht, dass jede Neuerung oder Veränderung gut ist! Auch die Einführung der Reserved-List war einst eine Innovation gewesen, und jeder sollte wissen, wie sogar WotC selbst heute darüber denken. In jüngerer Zeit gab es da die Einführung des neuen Kartendesigns, bei dem die gesamte Spielerschaft monatelang versuchte, WotC klar zu machen, dass weiße Karten und Artefakte kaum voneinander zu unterscheiden waren, bis sie diesen Umstand schließlich einsahen und zugaben, dass sie Mist gebaut hatten (und diesen Fehler dann auch, beinahe ein Jahr später, schließlich korrigierten). Dieser Vorfall ist vermutlich der beste Beweis dafür, dass WotC auch in einem Fall, in dem sie alle Zeit der Welt hatten, sich mit einem Problem zu befassen, Mist bauen konnten – und zwar nicht deswegen, weil dieser Fehler besonders spektakulär war, sondern weil sie hier nicht umhin kamen, ihn umunwunden zuzugeben!

WotC machten und machen Fehler, und sie tun sich – wie so ziemlich jede Firma – schwer damit, diese zuzugeben. Blindes Vertrauen in alle ihre Entscheidungen ist jedoch nachweislich nicht gerechtfertigt!

Aber in den meisten Fällen geht es gar nicht darum, dass WotC Fehler gemacht haben. Es geht auch nicht immer um die natürlich vorhandene Abneigung der Spieler (sowie von Menschen allgemein) gegen Veränderungen. Es geht zuletzt stattdessen um Prioritäten. Diese haben sich bei WotC in den letzten Jahren deutlich verändert, und darauf sind die meisten Dinge, die ich (und andere) bei Magic zuletzt kritisiert habe, zurückzuführen: Die Qualität des Spiels selbst wird unwichtiger; seine Vermarktung mit Hilfe reißerischer Tricks und billiger Gimmicks wird wichtiger. Das ist nicht einfach eine Frage von “Bauch oder Kopf”, das ist eine Frage von “Fast Food oder gutes Essen”!

Innovationen erzeugen eine Entwicklung, und Entwicklungen besitzen eine Richtung. Magic entwickelt sich bereits seit einigen Jahren in die (aus Sicht eines langjährigen, kompetenten und begeisterten Spielers) falsche Richtung.

Die doppelseitigen Karten erzeugen eine gigantische Publikumswirkung. Sie verursachen endlose Diskussionen (in denen dieser Blogeintrag hier nur ein Tropfen im Ozean ist), und sie verankern das neue Set im Bewusstsein der potenziellen Kundschaft. Sie sind ein Marketing-Instrument.

Der Preis dafür ist, dass sie die Spieler, welche sie benutzen wollen, effektiv dazu zwingen, ihre Decks in undurchsichtige Hüllen zu stecken; vor allem aber, dass sie Drafts mit ihnen ruinieren. Selbstverständlich haben WotC dieses Problem erkannt! Anstatt es zu lösen, haben sie es jedoch schlicht ignoriert: Weil es ihnen nicht wichtig war.

Maro schreibt: Einen ausgewachsenen Artikel nur zu diesem Thema, in dem die Draft-Problematik nicht mit einem einzigen Wort angesprochen wird.

MaRos Gerede von der “Ästhetik” dieser Karten ist ein bloßes Ablenkungsmanöver. Abgesehen von der einzelnen, in der Hand gehaltenen Karte ist nichts an diesem Prinzip ästhetisch – weder das Draften, noch das Spielen damit, noch die Anwendung der eigentlichen Mechanik (dies wäre nur der Fall, wenn die Karten ohne Hüllen gespielt würden, was sie jedoch selbst verhindern). Wir haben es mit einem bloßen Marketing-Gimmick zu tun, der das Spielerlebnis deutlich verschlechtert.

Mir selbst können diese Karten an sich letztlich egal sein. Ich benutze sie eben einfach nicht (auch wenn es vielleicht schade um die dahinter steckende mechanische Idee ist). Allerdings wird Innistrad mich auch nicht dazu bringen, wieder öfter an “richtigen” Drafts teilzunehmen. Was mich hingegen in Sorge versetzt, ist der Präzedenzfall, der hier geschaffen wird: Für einen billigen Marketing-Gag wird das Spiel Magic empfindlich und grundlegend beeinträchtigt – zumindest, wenn man mit realen Karten spielt.

Wirklich beunruhigend ist es nämlich, dass dieses von WotC ignorierte Problem ausschließlich beim Spielen mit diesen auftritt! In der virtuellen Welt von Magic Online existiert es schlicht nicht. Ich komme nicht umhin zu befürchten, dass dies ein Zeichen für die Zukunft von Magic darstellt!

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7 Comments on “Die dunkle Seite der Karte”


  1. Exakt 666 Hits (ein Zeichen?)! …aber kein einziger Kommentar? Hat es Euch allen die Sprache verschlagen?

  2. ETiTho Says:

    jetzt auch noch ein Planeswalker zum Transformen, der dabei auch noch die Farbe wechselt…. Bin absolut kein Fan davon.
    Ich sehe die Karten mit der unterschiedlichen Rückseite auch kritisch, aber nicht so extrem wie du. Insbesondere bezweifle ich, dass sie den Draft kaputtmachen, wird halt anders, muss man sich drauf einstellen. Es wäre sooo einfach gewesen die Werwölfe als Splitkarten zu drucken. Im Constructed werde ich versuchen sie zu umgehen.
    Gruß
    ET


  3. Ich finde wenn man über das was sie umsetzen wollen nachdenkt findet man recht schnell sehr viele Lösungen wie man das gleiche Konzept sehr viel eleganter hätte umsetzen können. Ich gebe Maro zwar recht: die alten flip Karten waren unübersichtlich, aber Splitkarten mit Marken, die anzeigen welche Seite aktiv ist, wären so einfach und viel eleganter gewesen. Bzw. wenn es jetzt wenigstens zu den Checklistkarten noch zusätzlich bessere Tokens in den Boostern gäbe, die man stattdessen verwenden kann, die meinetwegen kein Bild, dafür den kompletten text haben. Bzw. hätte man für die gesamte Idee einfach Bild in den Hintergrund mit Text darüber, wie auf einigen Gameday Promos schon zu sehen machen können.

    Die hier genannten Ideen sind zwar bisher alle nicht sonderlich elegant aber allesamt etwas besser als doppelseitige Karten, die man mit Checklistkarten spielt, bzw. ständig sleeved und wieder de-sleeved. Ich denke es führt im Endeffekt dazu, dass man im constructed doppelseitige Karten, die man 4 mal spielt 5 mal besitzt um wenn sie im Spiel sind eine Karte zu haben, die nicht in einer undurchsichtigen Sleeve ist zu haben und sie schnell wenden zu können.

    Durch diese offiziellen Proxy Karten kommt leider ein Aspekt des Playtestens ins Turnierspiel, den ich nicht sehr ästhetisch finde.

    Das Split Karten Limited kaputt machen sehe ich anders, da sie nur einen Aspekt des Rochesterdraftens ins echte Spielen mit einbringen und man als besserer Spieler vermutlich eher weiß wann man sich an Signale halten soll und wann nicht (und ehrlich gesagt empfinde ich das in der Regel eher als gut für das Spiel wenn so dem Favoriten mehr Chancen eingeräumt werden, da der Glücksfaktor des Spiels doch stets zugenommen hat).

    Die Information zu verbergen macht in meinen Augen jedoch nie Sinn, daher verstehe ich nicht wieso sie diese Option mit einbauen und nicht einfach alle Splitkarten zu public Information des Drafts erklären die zu beginn des Drafts offen gelegt werden muss. Aber es stimmt die Art wie hier ein Design durchgeprügelt wurde ist einfach beispiellos. Hier hatte jemand eine Idee, die Maro gefallen hat und dann hat man sich allen Prinzipien des guten Designs wiedersetzt und was nicht passte wurde passend gemacht ohne drüber nachzudenken ob man nicht den Ausgangspunkt anders gestallten könnte, so dass man eben nichts, bzw. nicht so grundlegende Teile des Spiels, ändern muss.

    Ganz ehrlich habe ich an subtilen Kleinigkeiten die man unter Umständen erst beim genaueren Betrachten bemerkt viel mehr Freude als an diesem Holzhammer Design. Das zusammen mit dem extremen zurückfahren der PTQs in Deutschland hat mir ernsthaft einiges an meiner momentanen MTG Motivation genommen. Aber jetzt schaue ich erstmal wie sich dann alles in der Realität darstellt. Die PTQ Sache bedeutet schließlich nur, dass man jetzt weiter fahren muss um einen PTQ zu erreichen und US ähnliche Roadtrips auch in Deutschland nötig werden.


    • Dieses Holzhammer Design ist Absicht! Es geht WotC ja gerade um den Aufschrei der Community – der Skandal ist als PR-Werkzeug gewollt. Dass die Karten sich scheiße spielen, ist ihnen dabei egal.

      • ETiTho Says:

        Dann sind die PTQ-Kürzungen und die Abschaffung des Rating-Systems, welches stattdessen durch lächerliches Punktesammeln ersetzt wird auch nur um einen Skandal zu provozieren? Ich hoffe mal, du schreibst dazu noch nen Eintrag ;)
        Ich finde, in letzter Zeit kommen ziemlich viele Änderungen die dem Denksport Magic schaden an die Öffentlichkeit.
        Gruß
        ET


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