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Ach ja, übrigens: Magic ist tot.

August 13, 2010

Wieder einmal.

Natürlich ist ist auch diesmal nur ein Aspekt dieses Spiels gestorben: Magic, der mentale Sport ist tot. Seid Ihr eigentlich schon lange genug dabei, um Euch noch zu erinnern, dass Magic einst so vermarktet wurde (das war LANGE vor “HERE I RULE!”)?

Woran merkt man, dass der Denksport Magic längst verschieden ist und nur noch als Zombie durch die Gegend torkelt? Genau – an dem fehlenden GEEHIIRRRNNN! Daran, dass Magic-Großerereignisse und Magic-Strategie im Netz nicht mehr ausführlich und intelligent kommentiert und analysiert werden.

Das fängt bei Wizards selbst an: Nicht nur, dass die Coverage der japanischen und französischen Nationals nicht mehr zweisprachig ist; auch die spanische und italienische hat sich angeschlossen. Offenbar erwartet niemand mehr Interesse der internationalen Leserschaft für diese Events – jedenfalls nicht mehr genug, dass Wizards sich die Mühe und die Unkosten machen würde, über ein paar Twitter-Einträge hinaus eine englische Coverage bereitzustellen. Die letzte echte Tech-Kolumne auf Daily MTG (eigentlich sogar auf dessen Vorläufer magicthegathering.com) ist schon lange durch “Building on a Budget” ersetzt worden, und Flores’ Formatanalysen werden immer seichter und beschränken sich immer stärker darauf zu jubeln, wie großartig spannend und vielfältig das jeweilige Environment doch sei, und wie toll es doch wäre, Decks um die neuesten Rares und Mythic Rares herumzubauen.

Das ist auch an anderer Stelle im englischsprachigen Raum der Fall. Diesen Artikel habe ich mir mal einschließlich der darunter stehenden Kommentare ganz in Ruhe reingezogen und auch die früheren Machwerke des Autors zu diesem Thema angesehen. Wie kommt jemand, der von den realen Gegebenheiten in Legacy offensichtlich nicht die Spur einer Ahnung hat (ja, so deutlich, dass es sogar mir auffällt!), dazu eine derart prominent veröffentlichte, vielgelesene und offensichtlich sogar beliebte Kolumne zu diesem Thema zu verfassen? Die Antwort lautet: Weil diejenigen, welchen auffällt, dass der Schreiber die Realität komplett ignoriert, offensichtlich dermaßen stark in der Minderheit sind, dass ihr Missfallen nicht mehr relevant ist. Selbst in diesem Artikel stellt Birklid es immer noch hemmunglos so dar, als wenn der Großmeister Saito auf magische Weise mit einem eigentlich völlig unkompetetiven Deck einen Ausnahmeerfolg erzielt hätte. Er ignoriert dabei hemmungslos weitere gute Ergebnisses dieses Decktyps beim selben Event, auf die er dann in den Kommentaren hingewiesen wird. Er hat schon früher den Umstand, dass in den Turnieren, von denen er berichtete, Merfolk konstant und massiv auf den vorderen Plätzen zu finden war, wegargumentiert. Selbst, als er persönlich im direkten Vergleich in einem Finale ein Matchup, das er nach eigener Aussage nicht verlieren durfte, verloren hatte, hat er seine Meinung nicht geändert. Merfolk als eines der definierenden Elemente des Legacy-Metagames ist eine Realität, die ein Kolumnist, der dieses Format regelmäßig zu analysieren versucht, nicht wegleugnen kann, oder zumindest nicht dürfte. Doch selbst diese offensichtlich und penetrant zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit führt nicht dazu, dass ChannelFireball diesem Stümper vom Hof jagt, denn er schreibt ja “unterhaltsam”.

Und natürlich ist es in der deutschen Magic-Szene nicht viel anders. Auf Magic Universe ist Handsome das beste (okay, natürlich eigentlich das schlechteste) Beispiel. Es geht ja nicht darum, dass ein Schreiber sich nicht irren darf; aber er darf eben nicht die Realität ignorieren, und seine Argumentation muss in sich schlüssig sein. Ob Handsome in ZZZ sein Deck so baut, als wäre Aggro nicht möglich; ob er in Rise behauptet, Grün sei schwach; ob er im Jund-dominierten Standard zunächst korrekt feststellt, dass Lightning Bolt und Bloodbraid Elf das Metagame definieren und direkt im Anschluss hirnrissigerweise für den Austausch von Sprouting Thrinax gegen Great Sable Stag plädiert – der Mann hat nun einmal keine Ahnung von Magic, aber er schreibt halt trotzdem regelmäßig darüber, und diese Regelmäigkeit und seine durchaus vorhandenen schreiberischen Fähigkeiten sind offenbar eben genug für das Publikum (und um fair zu sein, seine Artikel sind auf MU keineswegs unterdurchschnittlich…)

Auf dem Planeten sieht es nicht viel anders aus: Jetzt ist sogar TobiH auf den Zug der Realitätsleugner aufgesprungen und erklärt Bären (und damit effektiv Beatdown) für unspielbar und Stormfront Pegasus (der bereits im deutlich langsameren M10-Draft eine sehr gute Karte war)  für bestenfalls uninteressant (jedenfalls ausdrücklich nicht gut), obwohl man, wenn man nur ein wenig danach sucht, im Netz genügend Daten zum M11-Draft-Metagame findet, um zu erkennen, dass das natürlich Blödsinn ist.

Dabei ist Tobi zur Zeit – zumindest, wenn ich gerade nichts veröffentliche – unangefochten der beste Schreiber in der deutschen Magic-Szene – aber eben nur der beste SCHREIBER. So lange er nicht über Magic schreibt, ist an seinen Texten zumeist wenig auszusetzen; sie sind unterhaltsam und einsichtsvoll (und die Titel sind häufig tatsächlich sehr geistreich). Doch wieder zeigt sich, dass Unterhaltsamkeit genügen muss und genügt. So auch bei Bohny, der zwar prinzipiell ein gutes Stück mehr vom aktuellen Magic versteht, in seiner Kolumne aber trotzdem immer weniger darüber zu sagen fand und sich stattdessen ebenfalls immer mehr auf teilweise geradezu billige Tricks zur Steigerung der Unterhaltsamkeit fokussierte, bis zu dem Punkt, an dem seine Topic-fremden Top-x-Listen mehr Aussagekraft besaßen als seine Texte, und an dem er vor lauter erzwungen originellen Formulierungen inhaltlich unverständlich wurde. Den meisten inhaltlich ansprechenden Magic-Content im deutschen Sprachraum bringt noch Midi, dessen Kolumne sich jedoch häufig hart am Rande des Casual bewegt.

Und dann sind da noch diese furchtbaren Draftwalkthroughs. Klar, es ist eben leichter, so ein Video nebenher laufen zu lassen, während man in einem anderen Fenster Pornos guckt, als einen textbasierenden Artikel zu lesen. Sicher haben Videowalkthroughs hier gegenüber Texten den gleichen “Vorteil”, den der Fernseher gegenüber dem Buch hat. Die Produktion solcher Walkthroughs erfordert im Gegensatz zum Verfassen eines Textes aber dermaßen wenig analytischen Verstand, dass man sich über die Ergebnisse (sowohl auf MU als auch auf dem Planeten) nicht wundern muss. Leute, JEDER kann beim Draften unreflektierte Kommentare vor sich hinbrabbeln, aber seine Gedanken in geordneter Form zu präsentieren und zu analysieren, das erfordert eine gewisse Begabung und Übung – eben das Talent, über ein Fachgebiet zu schreiben.

Doch wen interessiert in der heutigen Magic-Szene noch die fachliche Auseinandersetzung? Unterhaltsamkeit ist gefragt (auch Fremdschämen ist unterhaltsam), und Leute, die ohne entsprechende Fachkompetenz auf dicke Hose machen, geben in der Szene den Ton an. Warum werden im P-Forum Verfasser von Kommentaren, die ausschließlich aus einem Satzzeichen oder einem Bild bestehen, nicht wegen Spams verwarnt und gegebenenfalls gesperrt? Nun, weil das Argumentationsniveau von TMM und MartenJ längst zum Standard geworden ist; weil sie die Galeonsfiguren der deutschen Magic-Szene sind. Und das ist wiederum so, weil die Szene kaum noch Besseres zu bieten hat und vor allem nichts Besseres mehr verlangt.

Magic als Turnierspiel existiert noch und wird auch noch lange interessieren, aber die Ernsthaftigkeit, mit der dieses Turnierspiel betrieben wird, nähert sich in bedrohlichem Tempo dem von Warhammer oder D&D an. Magic als mentaler Sport mit Fantasy-Flair ist tot; es bleibt ein Fantasyspiel mit einer angeschlossenen Turnierszene zurück.

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Diskussionsfortführung

February 7, 2009

Wenn ein Kommentar zu lang wird, muss er eben ein Blogeintrag werden… Hier antworte ich auf Dinge, die Kommentatoren zu diesem Eintrag hier gesagt haben.

Zunächst noch einmal das Zitat eines Kommentators aus MTGSalvation, das ich für sehr aufschlussreich halte:

WotC did not want to make half-pack gravity feeds. Wal-Mart and Target demanded it. They’ve demanded it for years. Almost every other product that has gone into mass market in the past few years has had to have half-pack gravity feeds, even for games so small that the additional printing cost was extremely expensive for them. Mass market average shelf space for trading cards has gone down, and if you want to get into mass market these days, gravity feeds are it.

The only way Magic has been able to get away with not having gravity feed product for this long is because it’s, well, Magic. But it looks like whether it was the recent layoffs, the large decrease in sales from 2007 to 2008, corporate pressure from Hasbro, or just WM and Target finally really cracking down and threatening to remove 15-pack boosters from their stores, WotC has had to finally give in.

So no, these are not made for you. They’re not even really meant for Wal-Mart and Target consumers. They are meant for Wal-Mart and Target corporate purchasers so they’ll continue to keep Magic on the shelves. Because mass market sales are way, way too big to lose.

Again, the fact that this product exists means WotC has lost a fight to mass market. It’s not really a good sign. The best we can hope for is it gives them some positive economic results.

Dann zu einzelnen Postern:

Teardrop: Zu Preisvergleichen ziehe ich selbstverständlich nicht den Sekundärmarkt oder den grauen Markt heran. Deswegen sind die Preise von Magic Universe und Miracle Games (Sponsor von PlanetMTG) mein Maßstab, nicht Ebay oder irgendwelche Tauschbörsen.  Wenn man über Preise von Fernsehern spricht, zieht man ja auch nicht Privatverkäufe von Gebrauchtgeräten oder “vom Laster gefallene” Produkte heran!

Charly: Wenn wir beide keine typischen Turnierspieler sind – wer sonst? Aber wenn Du einen anderen Eindruck hast, hilf mir mal (denn ich habe mein MTGO deinstalliert und kann nicht nachsehen) – wie viele Turniere (alle Formate) finden denn auf Magic Online täglich statt?

Die Anzahl der RL-Turniere kann man hier finden. Leider weigert sich diese Datenbank, die Gesamtzahl aller Turniere in allen Ländern auszugeben. Deswegen habe ich die Gesamtzahl aller Turniere in den USA, Deutschland, Japan, Kanada und Frankreich gesucht und hochgerechnet, indem ich diese Summe mit dem gleichen Faktor multipliziert habe, mit dem man von der Gesamtzahl der für diese Länder registrierten Spieler auf die Zahl der in allen Ländern registrieretn Spieler kommt. (Dieser Faktor ist für die einzelnen Länder jeweils erstaunlich konstant, deswegen hält sich der Fehler bei dieser Hochrechung gewiss in sehr engen Grenzen.

Wer das nachvollziehen will – hier die Anzahl aller Turniere 2008 in den einzelnen Ländern:

USA 55624 – 67,5%
Deutschland 6285 – 7,6%
Japan 6158 – 7,5%
Kanada 6828 – 8,3%
Frankreich 7518 – 9,1%
Summe 82413

(Die Prozentzahlen geben die Anteile der einzelnen Länder an der Gesamtzahl der Turniere in diesen Ländern wieder und dienen dem Vergleich, ob eine Hochrechung der gespielten Turniere in einem Land über die Anzahl seiner in der DCI-Datenbank geführten Spieler ein brauchbares Ergebnis ergibt.)

Hier jetzt die Anzahl der zur Zeit für diese Länder registrierten Spieler in der DCI-Datenbank:

USA 82805 – 67,8%
Deutschland 9733 – 8,0%
Japan 8308 – 6,8%
Kanada 8732 – 7,1%
Frankreich 12617 – 10,3%
Summe 122195

(Die Prozentzahlen geben wieder den Anteil der einzelnen Länder an. Da sich eine ziemlich eindeutige Korrelation mit den vorigen Anteilen ergibt, gehe ich davon aus, dass ich vom Anteil dieser Länder an der Gesamtspielerzahl ausgehend den Anteil dieser Länder an der Gesamtzahl der veranstalteten Turniere mit erträglichem Fehler abschätzen klann. Wem das zu ungenau ist, der muss sich halt die Arbeit machen und alle Länder einzeln anklicken und ihre Turnierzahl aufaddieren!)

Die aktuelle Gesamtzahl aller Spieler in der DCI-Datenbank ist 207784. Die von mir ausgewählten fünf Länder stellen davon also 58,8%. Jetzt gehe ich davon aus, dass in diesen Ländern auch 58,8% aller Turniere stattfinden, und erhalte als Abschätzung für alle Turniere, die 2008 weltweit stattgefunden haben 140158 Turniere. Das sind im Schnitt ca. 383 pro Tag (ja, 2008 war ein Schaltjahr) und 16 pro Stunde.

Okay, Charly, nun die Frage an Dich als regelmäßigen MTGO-Zocker: Wie viele Turniere (alle Formate, wohlgemerkt!) starten pro Stunde im Schnitt auf Magic Online? Mehr oder weniger als 16, oder ungefähr gleich viele? Dann hast Du die Antwort auf Deine Frage. Zumindest in der Tendenz habe ich jedenfalls keinen Zweifel daran, dass MTGO RL-Turniere bald überholen wird. Ob es bereits jetzt so weit ist (nach meiner Erinnerung war man schon zu MTGO 2 Zeiten da nicht allzu weit von entfernt), kannst Du uns sagen!

Handsome etc…: Wie kommst Du darauf, dass mir die marktwirtschaftlichen Zusammenhänge nicht bewusst sind? Ich bin lediglich der Ansicht, dass nur weil etwas marktwirtschaftlich notwendig oder sinnvoll ist, es deswegen noch lange nicht gut fürs Spiel ist! Vielleicht muss sich Magic ändern, um zu überleben – aber wieso soll mir dann das geänderte Magic noch gefallen?

Der Döner um die Ecke bei mir hat seit ein paar Wochen keinen Spieß mit Hähnchenfleisch mehr, nur noch einen mit normalem Hammelfleisch. Seutdem kaufe ich da keine Döner mehr, weil mir Chickendöner viel besser schmecken, und ich mir aus normalem Döner nicht allzu viel mache. Klar, der Laden wird schon seine Gründe gehabt haben, den Hähnchenspieß abzuschaffen, aber soll ich deswegen jetzt den Hammelfleischdöner essen und mir einreden, dass er mir genau so gut schmeckt?

Wieso soll ich mich darüber freuen, wenn Magic sich – egal, ob freiwillig oder durch unüberwindliche Sachzwänge – von seinen bisherigen Standards, deretwegen ich das Spiel liebe, immer mehr abkehrt? Ja, ich freue mich auch über mehr Nachwuchs für Magic. Nein, ich freue mich nicht, wenn dieser Nachwuchs auf die gleiche Art herangezogen wird wie der Nachwuchs von Pokemon oder Yu-gi-oh! und die entsprechende “Spieler”-Klientel hervorbringt (eigentlich sollte doch bekannt sein, dass ein Großteil der jungen Sammelkartenkäufer diese Spieler gar nicht wirklich spielen, sondern die Karten nur als Statussymbole benötigen)!

Dass man übrigens ausgerechnet MIR alles unbesehen glaubte, das ist ja wohl ein Ammenmärchen, oder? Es gibt ja kaum jemanden, der  – egal was er sagt – dermaßen viel Widerspruch herausfordert, egal was er sagt, und wenn es 2+2=4 ist!

Handsome, Du schreibst: “Hätte das Spiel überhaupt noch eine Überlebenschance, wenn es weiter auf seinem hohen Roß säße und auf seiner Marktnische beharren würde? Immerhin ist es ja DAS intellektuelle Sammelkartenspiel für Erwachsene, schon klar. Damit alleine verkauft man allerdings kein Produkt. Dass der Industriestandard IndustrieSTANDARD heißt, hat durchaus seinen Grund!”

…und wieso glaubst Du, dass Du mir damit widersprichst? Genau das sage ich doch! Ich begreife allerdings nicht, wieso Du der Ansicht bist, dass ich diese Entwicklung gut finden muss. ICH vermisse das “intellektuelle Sammelkartenspiel für Erwachsene”, denn das ist das Spiel, das ich liebe. Der Industriestandard der Kundenverarsche und Kiddieabzocke mag sich ja gut verkaufen, aber das ist nicht mehr mein Magic: The Gathering.

Schließlich noch zu Rene Appel: Nein, ich widerspreche mir hier NICHT. (Das tue ich überhaupt sehr selten.) Wo schreibe ich, dass MTGO “böse” ist? Ich habe früher selbst sehr gerne MTGO gespielt, und es ist nicht das Grundkonzept dieses Spiels, sondern es sind seine zahllosen Unzulänglichkeiten, die es mir verleidet haben! Zu diesem Thema finden sich auch reichlich Artikel und Blogeinträge von mir im Netz. MTGO ist nicht böse oder verdammenswürdig, es ist einfach nicht gut genug umgesetzt, um mir noch Spaß zu machen, deswegen habe ich es aufgegeben. Richtig ist, dass MTGO enorm zum Niedergang von RL-Magic beiträgt, aber das macht es nicht böse. Wie ich woanders schon geschrieben habe: Wäre es nicht MGTO, wäre es WOW oder etwas anderes. Ich bedaure das Sterben des RL-Turniermagic, aber ich verteufele deswegen nicht MTGO! Tatsächlich halte ich es für absolut möglich, dass ich eines Tages auf dieser Plattform wieder das regelmßige Magicspielen (insbesondere das Draften) beginnen werde, wenn die Rahmenbedingungen wieder besser passen.

Übrigens ist die Umweltfreundlichkeit virtueller Spiele ein Gerücht! Jemand hat einmal ausgerechnet, welche Umweltbelastung durch die Server und die ganze Infrastruktur des Internets entsteht, und das Ergebnis war erschreckend! Der Artikel müsste sich googlen lassen, aber eigentlich tut das hier nichts zur Sache, deswegen schenke ich mir das.

Keine Ruhe den Verdammten

February 5, 2009

So viel mal wieder zu guten Vorsätzen…

Aber endijian hat (hier) Recht: Zu diesen 6-Karten-Boostern – von deren Existenz ich erst durch ihn erfahren habe, da kann man auch ruhig mal ein Link angeben, damit der arme Zeromant nicht überall suchen muss! – muss ich tatsächlich etwas loswerden:

WÜRG!

Okay, das werdet Ihr erwartet haben, also muss ich Euch wohl erklären, WARUM ich das zum Kotzen finde. Zunächst aber die Fakten, so weit ich sie gefunden habe:

“Yes, this is something new for Conflux: The Six Card Booster. It won’t replace regular booster packs, and it will only appear in mass market stores. The MSRP for the six card booster is $1.99. While we never guarantee the rarities of cards within packs, the expected contents of each 6-card booster is a tips/token card, 1 land, 3 commons, 1 uncommon, and 1 slot that has an equal chance of being rare/mythic, uncommon, or common. You even have a chance of opening a foil card.”

Zunächst einmal das Offensichtliche: Das ist ein deutlich ungünstigeres Kosten-Nutzen-Verhältnis als bei normalen Boostern, insbesondere, was die Chancen, eine Rare oder Mythic Rare zu öffnen, angeht.

Weiterhin sind diese Dinger (bisher) vermutlich nur für den amerikanischen Markt, insbesondere für die Walmart-Läden, konzipiert.

So, und jetzt der Grund, warum mir von den Dingern schlecht wird: Sie sind der Anfang vom Ende! (Nein, NICHT das Ende von Magic, das stirbt nicht, nur keine falschen Befürchtungen/Hoffnungen!) Deswegen, weil sie sich gezielt an Kundschaft richten, die nicht in der Lage ist zu erkennen, dass sie hier einen weit schlechteren Deal als mit “normalen” Boostern erhält. Eine Kundschaft, denen bereits ein normaler Booster zu teuer ist, und die sich deswegen nicht leisten kann, mehr als 2 Dollar für so eine Packung hinzulegen.

Richtig: Diese 6-Karten-Packungen sind ein gezielter Angriff auf das Taschengeld der jüngsten und unmündigsten Käufer! So wie bereits das Konzept der Mythic Rares, und wie letztlich auch die Einführung des neuen überspektakulären Kartentyps Planeswalker, untermauern sie eine Tendenz: MAGIC GIBT AUF! Und zwar gibt es den Versuch auf, eigene Qualitätsstandards zu setzen, sich von ausschließlich durch Kiddie-Verarsche lebenden Spielen wie Yu-gi-Oh! abzusetzen.

“We’re just keeping up with the industry standards”, das ist das relevante Maro-Zitat – es stammt aus seiner Rechtfertigung der Mythic Rares, aber es passt auch hier. Wisst Ihr: Vor einer Dekade noch hat Magic die Standards in der TCG-Industrie GESETZT. Vor 15 Jahren hat es diese ganze verdammte Branche überhaupt erfunden! Heute jedoch, garantiert angetrieben durch die Aktionäre des großen Mutterkonzerns Hasbro, hechelt es seinen Konkurrenten hinterher.

Magic, das TCG für Erwachsene – mit diesem Image wird mittelfristig Schluss sein. Wir Erwachsenen spielen es ja eh immer mehr nur noch virtuell, weil das unserer Erwachsenen-Zeitplanung besser entgegen kommt. RL-Magic braucht die jüngsten Käuferschichten, um zu überleben. Mittelfristig jedenfalls – ob das langfristig genügt, um sich einen hohen Marktanteil zu sichern, ist eine andere Frage.

In der Diskussion um diese Packungen liest man immer wieder Töne wie “was soll’s, entweder wird es halt ein Flop, oder es war offensichtlich eine gute Entscheidung” oder “Wenn Magic auf diese Weise mehr Nachwuchs kriegt, dann ist das doch nur gut!” – aber das ist zu kurz gedacht. Dass alles, was sich gut verkauft, eine gute Idee ist, ist ein kapitalistischer Mythos: Sind Zigarettenpackungen gut? Ist es positiv, wenn der Verkauf von Zigaretten an Jugendliche angekurbelt wird?

Diese Packungen sind eine Kundenverarsche, die sich letztlich nur dadurch rechtfertigt, dass die Kundem sich halt verarschen lassen. Sie sind außerdem, so ganz nebenbei, Umweltverschmutzung – was zum Thema Turnierpackungen vs. Boosterpackungen unter den Tisch fiel, ist der Umstand, dass Booster mehr Müll produzieren als Schachteln, und Mini-Booster sind da natürlich noch schlimmer! Mini-Booster sind aus allen Perspektiven ein beschissenes Produkt, abgesehen davon, dass sie sich wahrscheinlich trotzdem gut genug verkaufen, um ihre Existenz zu rechtfertigen.

Die Qualität eines Spiels wird auch durch seine Produktform bestimmt. Mit der Produktion der Mini-Booster geben Wizards ein klares Statement ab: Die Qualität ihrer Produkte ist ihnen egal, sobald sie sich verkaufen! Natürlich leidet das Image ihrer Marke Magic darunter, aber eben dies ist die Einschätzung, die von den Entscheidungsträgern offensichtlich vorgenommen wurde:  Magic besitzt nicht mehr die Stärke, sich über Qualität und ein gutes Image zu vermarkten. ES MUSS SICH DEN INDUSTRIESTANDARDS ANPASSEN, und die Industriestandards für Sammelkartenspiele definieren deren qualitativen Anspruch irgendwo zwischen Lutschbonbons für die Kleinsten und Zigaretten für die Abhängigen.

Magic hat es endgültig aufgegeben, sich von Yu-gi-oh!, One Piece und Konsorten abheben zu wollen. Es hat Anlauf genommen und stürzt sich mit Schwung in die matschigen Abgründe der Sammelkartenindustrie, die in erster Linie von der Unmündigkeit ihrer Kunden lebt: Von der Unfähigkeit der Kinder, das Preis-Leistungsverhältnis derjenigen Produkte, die sie für ihr Taschengeld erwerben, einzuschätzen; sowie von der Unfähigkeit erwachsener Magic-Spieler, ihre Sucht zu kontrollieren und sich einem Spiel, dessen vollständige Bestandteile immer teurer erworben werden müssen, zu verweigern.

Die Mini-Booster werden zur Zeit als Ergänzung der normalen Produktlinie vermarktet. Was aber, wenn sie stattdessen ein Testballon sind? Was, wenn Wizards feststellen, dass die Gewinnspannem, die sie damit an der Supermarktkasse erzielen, diejenigen, die sie mit “normalen” Boostern machen, übersteigen? (Denn das ist natürlich der Plan – keine wholesale-Preise für Großhändler mehr, der Booster geht direkt vom Hersteller ins Regal!)

Das könnt Ihr Euch selbst beantworten, denke ich. Die Idee von Magic als intellektuellem Sport, bei dem alle Teilnehmer mit einigermaßen vertretbaren Investitionen ihr Rüstzeug erhalten, stirbt. Es geht Wizards am Arsch vorbei, wie schwer Mythic Rares tatsächlich zu bekommen sind, mit der einzigen Ausnamhe natürlich, wenn sich das auf das Kaufverhalten ihrer Kunden auswirkt. Und da sind die Industriestandards ja gesetzt: Superseltene Karten fördern den Verkauf! Nun sind Mythics aus “normalen” Boostern allerdings vielleicht noch nicht selten genug… Die Shards-Planeswalker kosten (abgesehen von dem als Release-Karte erhältlichen Ajani) in Internet-Shops nur zwischen 20 und 30 Euro – das muss doch besser gehen!

Mini-Booster sind Lotterielose. Die Chance, einen Gewinn zu machen, ist gering, aber ihre Kosten sind gering genug, dass man sie einfach trotzdem kauft, selbst dann, wenn man weiß, dass es sich eigentlich nicht lohnt. Zumindest, wenn es keine besseren Alternativen gibt. Ja, Magic wird auch dann in 5 Jahren noch Käufer finden, wenn Mini-Booster die “normale “Produktform geworden sind! Natürlich bedeutet dies dann eine Verschiebung der Kundschaft, weg von den kalkulierenden Turnierspielern hin zu den impulskaufanfälligen Gelegenheitsspielern und eben vor allem zu den mit der Verwaltung ihres Taschengeldes komplett überforderten Kiddies. Die “ernsthaften” Spieler draften dann halt auf Magic Online (Draft mit 6-Kartenboostern… hmm… online werden die sich wohl nicht durchsetzen, dafür sind Drafts eine zu wichtige Einnahmequelle für Wizards, aber natürlich werden sie keinerlei Skrupel haben, virtuelle und reale Produktformen voneinander zu trennen!) Constructed-Turniere erfordern dann einen effektiven “Buy-in” durch den Erwerb der dazu notwendigen Rares und Mythic Rares. Natürlich wird es in diesen Turnieren auch Spieler geben, die es mit Budget-Decks versuchen – das sind dann halt die Opfer des Systems, so wie es heute schon die Budget-Spieler bei Vintage-Turnieren sind, oder die ganzen Möchtegern-Pokerpros bei den Veranstaltungen mit den großen Börsen. Irgendwo muss der Breakeven für die Topspieler ja herkommen, und es ist NICHT die Bank… äh, der Hersteller, meine ich… der draufzahlt!

Ein paar Jährchen wird es noch dauern, dann wird die Trennung endgültig vollzogen sein. Wizards wird öffentlich bekanntgeben, dass sie eingesehen haben, dass der virtuelle und der reale Sammelkartenmarkt unterschiedliche Erfordernisse besitzen und daher unterschiedliche Produktformen verlangen. RL-Magic wird für Kiddies und Sammler produziert werden, mit “Casual” als dem einzigen real existierenden Constructed-Format; und Online-Magic für diejenige Kundschaft, die Wert auf ein anspruchsvolles Spiel legt, was bedeutet Limited (und hier insbesondere Draft), sowie für die semiprofessionellen Zocker, die bereit sind, in Constructed-Rares zu investieren, um dann damit  “infinite” zu gehen.

Nanu – schieße ich hier vielleicht über das Ziel hinaus? Wir werden es ja sehen! Wer allerdings von Euch schon so lange wie ich dabei ist, der sei gefragt: Was hättet Ihr vor der Jahrtausendwende gesagt, wenn Euch jemand erzählt hätte, Magic würde mit virtuellen Karten – die das gleiche kosten wie echte! – bald mehr gespielt werden, als mit denen aus Pappe? Was hättet Ihr gesagt, wenn jemand behauptet hätte, Magic würde eine zusätzliche Seltenheitsstufe einführen und in 6-Karten-Boostern verkauft werden?

The times are a-changing. Read the signs.