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Wie man es NICHT macht

January 29, 2011

Und wieder einmal erscheint ein neues Magic-Set, von welchem die meisten von Euch vermutlich gerade Booster öffnen, während ich diese Zeilen hier tippe. Ich beneide Euch nicht: Selbst wenn man bei den Prereleases ausnahmsweise doch wieder mit englischen Karten spielen würde, bin ich mir nicht sicher, ob ich bei Mirrodin Besieged dabei wäre – zu meiner Abneigung gegen Sealed-Deck-Turniere kommt diesmal sowohl die selbst für moderne Magic-Maßstäbe überdurchschnittliche Bombenlastigkeit des Environments hinzu, und obendrauf diese furchtbare Poison-Mechanik, sowie zur Krönung das Kozept der Fraktionsbooster, dem ich zwar unter dem Promotion-Gesichtspunkt dieses Events etwas abgewinnen kann, das ich aber für das tatsächliche Spielerlebnis nur negativ bewerten kann. (Ich frage mich übrigens, ob es nicht sowohl unter den Promotion-Aspekt, als auch mit Hinblick auf den Spielspaß nicht besser gewesen wäre, Mirrormatches zwischen den Fraktionen zu vermeiden – also immer nur Mirraner gegen Phyrexianer zu paaren – aber vermutlich wären die organisatorischen Hürden dafür wohl zu hoch.)

Wenn ich die Artikelsituation im Netz mit der vor sieben Jahren vergleiche, als der originale Mirrodin-Block erschien, so fällt mir zunächst einmal positiv auf, dass weit weniger unqualifizierte Previews zu sehen sind! Aber ja, mir ist schon klar, dass dieses Positivum ein Nebeneffekt des ansonsten negativen Umstandes ist, dass heute überhaupt weniger Magicschreiber aktiv sind, und zwar leider nicht deswegen, weil nur noch die besseren veröffentlicht würden, sondern weil das Angebot insgesamt knapp ist – qualitativ sogar noch mehr als quantitativ.

Was nämlich vorhanden ist, ist letztlich nicht lesenswert. Das fängt mit Florian Kochs “Entscheidungshilfe fürs Prerelease” an: So relevant die Fragestellung, mit der er sich beschäftigt, auch ist – er macht ansonsten so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann!

Seine Herangehensweise ist diese: Er gibt den Commons aus Mirrodin Besieged Schulnoten und ermittelt daraus Durchschnittswerte. Ob ein solcher pseudo-mathematischer Ansatz überhaupt eine sinnvolle Herangehensweise ist, darüber ließe sich bereits streiten, aber so, wie Florian vorgeht, ist es auf jeden Fall Humbug!

Zunächst einmal kann jedes Ergebnis, welches er uns am Ende präsentiert, nicht besser sein, als die Kompetenz, mit der er seine Statistik mit Daten befüttert. Da geht es aber bereits los: Sein Bewertungssystem ist völlig aus der Luft gegriffen. Da er Durchschnittswerte bildet, müsste seine Skala folgende Rückschlüsse erlauben: Eine 1er Karte und eine 3er Karte sind zusammen so stark wie zwei 2er-Karten, und eine 2er und eine 6er-Karte so stark wie zwei 4er-Karten. Ich garantiere Euch, dass Florian sich bei seiner Schulnoten-Skala auch nicht das kleinste Fitzelchen Gedanken darum gemacht hat – das merkt man seinen Bewertungen und Begründungen deutlich an! Man beachte auch, dass er zahleiche Bewertungen wie “4-” oder “2+” vornimmt, ohne dass diese Abstufungen, die ihm doch offenbar wichtig sind, in der Endabrechnung berücksichtigt würden! Wieso verwendet er beim Bewerten eine 18er-Skala, beim Berechnen aber eine 6er-Skala? Richtig: Weil er nicht für 5 Sekunden darüber nachgedacht hat, was er da eigentlich tut.

Dann sind da die Bewertungen selbst und ihre Begründungen. Ich zitiere ein paar der “schönsten”:

Füller der solideren Art, wenn man sich das vom Tempo her erlauben kann.

Dann wohl doch lieber Flameborn Hellion.

Setzen.

Der Name ist Programm.

Wie immer gilt: Es ist absolut legitim, aus der Qualität der Begründungen auf die Qualität der Bewertungen zu schließen!

Man merkt auch deutlich, dass die Verhältnismäßigkeit zwischen den Noten nicht gegeben ist. Ja, auch ich halte Quicksilver Geyser für sehr stark – aber wie kann diese Karte eine bessere Note als Burn the Impure erhalten? Wieso landet Fangren Marauder gleich zwei Noten über Tangle Mantis? Warum gilt das auch für Razorfield Rhino über Gnathosaur? Wie gelangt man mit der Begründung “Die meisten Sealed-Decks werden kaum aggressiv genug sein, um das hier zu rechtfertigen. Wenn doch ist es vermutlich eine richtig gute Karte” zu einer 5, mit “Ab vier Equipments kann man wohl darüber nachdenken. Sonst eher eine Verzweifelungstat” jedoch zu einer 4? Selbst wenn Florians Rechnung prinzipiell Sinn ergäbe, könnte er mit solchen willkürlichen Bewertungen keine brauchbaren Ergebnisse erwarten.

Aber darüber muss man sich gar keine weiterführenden Gedanken machen, denn natürlich ergibt seine Rechnung schon auf Grund ihrer Konzeption keinen Sinn. Florian mittelt die (von ihm definierte) Spielstärke der MB-Commons nach Fraktion geordnet. Aber was hat das eigentlich mit der Frage zu tun, mit welcher Fraktion man beim Prerelease vermutlich ein stärkeres Deck bekommt? Folgendes lässt er alls dabei außer Acht:

1. Die Stärke eine Sealed-Pools (und das gilt ganz besonders in diesem Block!) hängt maßgeblich von den Uncommons und Rares (und Mythics, jaja) darin ab. Der Anteil der Commons in einem typischen Sealed-Deck ist üblicherweise deutlich geringer, als der Anteil der Commons im Pool, und sie tragen üblicherweise auch noch anteilig weniger zur Spielstärke des Decks bei. Bereits das macht Florians Herangehensweise eigentlich schon wertlos.

2. Der durchschnittliche Spielwert aller Commons in einem Set ist nicht im geringsten ein Indikator dafür, wie spielstark diejenigen Commons sind, die man tatsächlich in seinem Deck spielt!  Ganz, ganz grob geschätzt, kommen beim Sealed-Deckbau mit 6 Boostern sowieso nur die besten 50% der Commons in Frage – die übrigen könnten genau so gut allesamt One with Nothing, Wood Elemental oder Sorrow’s Path heißen. Im SOM-Block ist der Anteil der tatsächlich genutzten aus allen in Frage kommenden Commons aus zwei Gründen noch einmal besonders gering: Einmal die Artefakte, die jedem Spieler unabhängig von seiner Farbwahl zur Verfügung stehen; zum anderen die bereits angesprochene Bombenlastigkeit des Formats. Und obendrauf kommt dann auch noch der Witz mit den Fraktionsboostern, der tendenziell ebenfalls für ein Überangebot an in Frage kommenden Karten sorgt!

Herrlich übrigens, in welch mathematisch geradezu schmerzhafter Weise sich Florian dieses Problems annimmt, wenn er nicht etwa die besten x % der Commons jeder Fraktion miteinander verglicht, sondern diejenigen mit einer Mindestbewertung! Um Euch die komplette Idiotie dieses Ansatzes vor Augen zu führen: Nehmen wir an, die Mirraner besäßen genau eine Karte, die eine 1 verdient und ansonsten ausschließlich 6er, und Phyrexia besäße zehn 2er-Kandidaten, sowie zehn 3er und ansonsten ebenfalls nur 6er. Dann erhielten die “spielbaren” Mirran-Karten nach Florians absolut brillianter alternativer Berechnungsmethode einen Durchschnittswert von 1.0, und Phyrexia läge abgeschlagen mit einer Note von 2.5 dahinter… Ja, das IST so dumm, dass es weh tut – aber genau das hat Florian gemacht!

3. Die durchschnittliche Spielstärke per Fraktion quer durch die Commons aller Farben hat ebenfalls kaum etwas mit der durchschnittlichen Spielstärke aller Commons zu tun, die man tatsächlich spielt, wenn die verschiedenen Fraktionen gewisse Farben bevorzugen sollten. Ich denke, wir können gesichert davon ausgehen, dass Mirran hauptsächlich RW spielen wird und Phyrexia hauptsächlich BG – ach ja, und Phyrexia weniger Artefakte… Eine ungewichtete Berücksichtigung aller Karten gibt also wiederum nicht ihren tatsächlichen Einfluss auf die Stärke des Gesamtpools wieder. (Das ist ein grundlegendes Problem dieser Methode, da man es ohne Einbeziehung ihres erwarteten Ergebnisses nicht lösen kann – siehe Punkt 6.)

4. Florian benotet und betrachtet die 3 MB-Booster unabhängig von den drei Scars-Boostern, die jeder Spieler ebenfalls erhält. In einem dermaßen Synergie-aufgeladenen Environment, wie es dieser Block im Limited darstellt, ist eine solche Kartenbewertung im Vakuum natürlich besonders problematisch.

5. Bei Karten, die “im richtigen Deck” stark sind, vergibt Florian schwache Noten (siehe Ardent Recruit, Concussive Bolt oder Training Drone). Das stellt eine weitere Überhöhung des systematischen Fehlers aus Punkt 2 dar: Diese Karten spielt man natürlich nur dann, WENN sie gut sind! Abgesehen vielleicht von CE bauen Spieler ihre Sealed-Decks doch nicht mit einem Zufallsgenerator, sondern suchen nach Synergien! Hier stößt das Durchschnittswertsystem an seine systematischen Grenzen.

6. Und dann kann man seine Bewertungen auch noch mit systematischen Fehlern füttern… Florian zum Beispiel geht strikt davon aus, dass man mit Phyrexia eine Infect-Strategie spielen MUSS, und dementsprechend passt er seine Kartenbewertungen an. So bekommt man natürlich am Ende der Rechnung auch genau das Ergebnis heraus, das man von Anfang an antizipiert hat! Ginge man das Ganze stattdessen unter der Annahme an, dass Phyrexia stark genug sei, um sowohl Infect- als auch Nicht-Infect-Strategien zu ermöglichen und bewertet die phyrexianischen Karten dann entsprechend besser… abrakadabra, dann erhält man als Ergebnis plötzlich auch, dass Phyrexia mit seiner durchschnittlichen Kartenqualität stark genug ist, um beide Strategien zu unterstützen!

Zusammengefasst: Dieser Artikel war absolut sinnlos und überflüssig. Florian hat versucht, eine inhaltliche Analyse des Sets (die zugegebenermaßen wahrscheinlich mehr Zeit und Mühe gekostet hätte, als er vor dem Prereleasetermin hätte aufbringen können) mit Augenwischer-Mathematik zu ersetzen, und das Ergebnis ist leider nichts weniger als dumm und peinlich (wenn auch sehr schön optisch aufbereitet).

Nichtsdestotrotz war es zumindest eine originelle Herangehensweise an ein spezielles Thema. Im Vergleich dazu bietet uns Christoph Hölzl eine “gute alte” Retro-Card-by-Card-Analyse (wahrscheinlich ist Chh irgendwann nach dem originalen Mirrodin-Block in eine Zeitmaschine gestiegen und macht jetzt einfach mit dem weiter, was er von damals noch kennt).  Ist die ihm besser gelungen als Florian sein Fraktionenvergleich?

Nun, das Ergebnis ist weder dumm und peinlich – wenn man das als Mindestmaßstab für einen Preview-Artikel anlegt, kann man also zufrieden sein. Positiv ist anzumerken, dass Chh zu den einzelnen Karten auch tatsächlich etwas Sachbezogenes zu sagen weiß (im Gegensatz zu den Worthülsen, die Florian als “Begründungen” gegeben hat), und dass er sich auch bemüht, ihre Rolle im Gesamtenvironment anzusprechen.

Nichtsdestotrotz verbleibt er doch sehr im Vagen und Selbstverständlichen – er trifft eigentlich kaum Aussagen, die sich im Nachhinein als falsch erweisen könnten! Durch dieses auf Nummer Sicher Gehen enthält sein Artikel wenig wirklichen Informationsgehalt. Außerdem kommt der analytische Aspekt des Ganzen zu kurz – Chh sagt etwas zu den einzelnen Karten, aber er teilt uns nicht die Schlüsse mit, die er daraus zieht. (Möglicherweise kommt das in einem späteren Teil seiner Reihe noch, aber das ändert halt nichts daran, dass es diesem hier dadurch an Mehrwert mangelt.) Sein Text ist größtenteils einer zum Durchnicken – es bleibt nichts hängen, was einem das Gefühl gibt, etwas gelernt zu haben, oder das Bedürfnis, es auszudiskutieren oder zu -probieren. Man kann ihm zwar keine größeren Fehler vorwerfen – aber ist das Existenzberechtigung genug für einen Artikel, nicht schlecht zu sein?

Zumindest für mich ist es das nicht, und Chh ist ja auch kein Schreiberneuling, der sich über handwerklich solide Arbeit noch an inhaltlich gehaltvolle und unterhaltsame Texte herantasten müsste. Nein, auch dieser Artikel ist letztlich überflüssig.

Da dieser Beitrag bereits wieder endlos lang ist, belasse ich es bei diesen beiden Beispielen und wende mich meiner abschließenden Frage zu: Ja, wie zum Teufel kann man es denn dem Pischner nun Recht machen?

Nun, die auführliche Antwort darauf kennt Ihr ja schon. Die für diese Fälle gültige Kurzfassung lautet: Schreibt dann, wenn Ihr auch etwas zu sagen habt, und nehmt Euch die dafür notwendige Zeit! Chhs Artikel ist schelmisch mit “Erster!” angekündigt – vermutlich in direktem Bezug auf meine damalige Kritik am Erstveröffentlichungswahn bei Previews – aber auch heute noch gilt: Macht es nicht besonders früh, macht es besonders GUT! Eine Woche später wird ein erfahrener Spieler wie Chh sicherlich mehr und Tiefgründigeres zu sagen haben als unmittelbar nach Erscheinen des offiziellen Spoilers. So lange lohnt es sich dann auch zu warten! Und für Florian gilt: Wenn man die Zeit (und/oder die Kompetenz) nicht besitzt, um etwas Sinnvolles zu schreiben, dann ist es besser, seine Zeit anderweitig zu nutzen, anstatt Unsinn zu verzapfen! (Ich gehe jetzt einfach einmal davon aus, dass Florian nicht in erster Linie für die Entlohnung geschrieben hat – wenn doch, dann macht Tobi da etwas ganz Grundlegendes falsch!)

Ich will nicht MEHR Magicartikel,  ich will BESSERE. (Und das gilt nicht nur hier.) Trotz aller meiner Bemühungen, meine auf Magic-Seiten verbrachte Zeit zurückzufahren, ist es immer noch zu viel. Dann möchte ich aber wenigstens das Gefühl haben, dass es sich gelohnt hat!

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Für die, die es besser machen wollen

January 25, 2011

Wenn ich sage, ich bin der Chronist des Niedergangs, dann meine ich damit nicht, dass ich Freude daran hätte oder gar dazu beitragen wollte! Zwar ist für mich die Zeit endgültig vorbei, in der ich mich massiv engagiert habe, aber zumindest ein paar hilfreiche Links zu posten, dazu bin ich noch bereit.

Zu der Frage, wie Schreibneulinge es vermeiden können, schlechte Magicartikel zu verfassen, habe ich mich nämlich längst – so, wie es meine Art ist – äußerst ausführlich geäußert! Bevor ich diese Links hier poste, möchte ich nur noch rasch zwei Dinge klarstellen:

1. Ich gebe Hilfen, wie man MAGIC-ARTIKEL schreibt – nicht, wie man überhaupt Texte verfasst! Tipps zu Themen wie “Einleitung, Hauptteil, Schluss”, “keine Tempuswechsel” oder “Wortwiederholungen vermeiden” gehören nicht auf Magic-Seiten.

2. Ich könnte meine Artikelreihe natürlich ungefähr so bewerben: “IN FÜNF EINFACHEN SCHRITTEN ZUM GEFEIERTEN STARAUTOREN!” (Hier ein entzückendes Beispiel derartig schamfreier Marktschreierei!) Tatsächlich aber kann ich Schreibern nur dabei helfen, ordentliche (also NICHT SCHLECHTE) Texte zu verfassen – zum Schreiben GUTER Artikel benötigt man zusätzlich noch Talent und Übung. Und außerdem behaupte ich ausdrücklich nicht, dass es EINFACH sei, Lesenswertes zu verfassen. Wer (wie zum Beispiel ein Kommentator auf Magic Universe) der Ansicht ist, mal eben in einer halben Stunde einen Wettbewerbsbeitrag verfassen zu wollen, der soll doch bitteschön sich selbst diese halbe Stunde Mühe, sowie der Redaktion und der Leserschaft die unweigerliche Peinlichkeit, die dabei herauskommt, ersparen!

So, nun also zu den Links:

Als Erstes widme ich mich dem Turnierbericht. Diesen Artikel sollte man auch zuerst lesen – und auch die restlichen in der hier angegebenen Reihenfolge – da ich mich immer wieder auf frühere Teile beziehe.

Dann komme ich zu Deckentwicklung, Deckanalyse und Metagameanalyse.

Im dritten Teil befasse ich mich mit Set-Reviews und -Previews. (Die Uneinheitlichkeit des im Text dafür verwendeten Genus gründet sich darauf, dass ich mit “das Preview” aufgewachsen bin, Tobi jedoch an den meisten, doch leider nicht an allen Stellen, “die Preview” daraus gemacht hat.)

Im abschließenden Teil meiner Reihe auf PlanetMTG geht es dann um Sealed-Deck-Bau-Artikel, Draftwalkthroughs und Draftanalysen.

Nicht direkt dieser Reihe zugehörig, aber eine gute Ergänzung ist dann noch dieser Artikel auf Magic Universe. Hier erläutere ich, wie man eine neue Limited-Umgebung analysiert. (Eine Mühe, die sich offenbar ein gewisser “LSV” niemals macht, was erklärt, warum er regelmäßig dermaßen miserable Set-Previews verfasst!)

The knowledge is out there!

Scheiß auf die Eldrazi

April 27, 2010

(Warum sollte sich das Niveau meiner Wortspiele nicht an das Niveau dieses Sets anpassen?)

Mein Urteil wird Euch nicht überraschen: Rise of the Eldrazi ist das mieseste Magic-Set mindestens seit Coldsnap! Das sage ich nicht aus der Sicht eines Constructed-Spielers (darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht), und auch nicht aus Sicht eines Limited-Spielers (denn bisher habe ich noch kein Limited mit ROE gespielt), sondern als Casual-Spieler.

Meine beiden Displays sind am Wochenende eingetroffen. Noch nie zuvor habe ich mir von einem Standalone nur zwei Boxen bestellt. Meine Bestellmenge hängt von meiner Schätzung ab, bis zu welchem Grad ich mir diejenigen Karten, welche ich aus der jeweiligen Edition besitzen möchte, günstiger aus Boostern zum Display-Preis besorgen kann, und ab wann ich lieber versuche, sie mir zu ertauschen.

Nun, ich habe noch nie zuvor aus einem neuen Set dermaßen wenige Karten haben wollen. Die durchschnittliche Anzahl Exemplare jeder Karte (Standardländer nicht berücksichtigt), die ich mir aus ROE für meine Sammlung wünsche, ist KLEINER ALS EINS (genau: 189/228) – einfach unglaublich! Gut, die Zeiten sind vorbei, als dieser Wert üblicherweise um die 2,5 herum lag – seit ich keinen Turnierkartenpool mehr anstrebe und mich auch im Casual-Bereich immer stärker diszipliniere, ist er natürlich deutlich gesunken. Aber dass da keine 1 mehr vor dem Komma steht – das ist neu!

Dabei fließen in diesen Wert bereits einige eigentlich überflüssige Updates ein, die ich nur deswegen vornehme, weil ich die Karten jetzt ja eh besitze – so tausche ich zum Beispiel meine Mercadian Masques Vendetta gegen Rise-Exemplare aus, weil diese etwas weniger hässlich sind, und ersetze Terramorphic Expanse durch Evolving Wilds, weil der neue Name schöner ist (nein, beide benötige ich nicht, auch nicht für Dinge wie Realms Uncharted) – das sind schon acht Karten, auf die ich ohne das geringste Bedauern auch hätte verzichten können. Mehr noch: Es sind Commons! Was mich nämlich am meisten ärgert, ist die Verteilung der für mich interessanten Karten auf die Rarities:

66 Commons (0,66 Stück pro Karte)
55 Uncommons (0,92)
55 Rares (1,04)
13 Mythic Rares (1,00)

Obwohl bei den Commons bereits Vendetta und Evolving Wilds dabei sind, und obwohl ich für meinen privaten Limited-Pool vorzugsweise Commons rekrutiere, gilt tendenziell: Mein Interesse an Karten aus diesem Set nimmt mit deren Seltenheit zu! Dabei habe ich mich diesen furchtbaren Eldrazi bereits komplett verweigert… Aber natürlich will ich jeweils 3 Vengevine und 3 All is Dust für meine Decks haben (meine Ausbeute hier aus den beiden Displays ist übrigens 0 und 0 – großartig!), ein paar Planeswalker, den einen oder anderen Leveller und eine Linvala. So wie natürlich jeder andere auch.

Nun ja, ich habe es nachgerechnet: Auch mit dem Schrott, den ich gezogen habe (von den lediglich sieben Uncommons, die ich im Playset haben will, fehlen mir ausgerechnet zwei Wall of Omens und eine Inquisition of Kozilek – what are the chances?), fahre ich mit diesen Displays immer noch günstiger als mit dem Kauf von Einzelkarten. Trotzdem habe ich schon lange mehr keine derartig unergiebigen Displays mehr geöffnet.

Und das liegt keineswegs nur daran, dass ich mich den Motiven dieses Sets komplett verweigert hätte! Gut – die fetten farblosen Schweine (und das dazu gehörige Eldrazi Spawn Token Thema) habe ich ignoriert. Die Leveller hingegen habe ich trotz meiner Unzufriedenheit mit der Ästhetik ihrer Umsetzung akzeptiert, sowohl für meinen Limited-Pool, als auch als Casualkarten. Die Totem Armors haben zumindest ihren Weg in meinen Limited-Pool gefunden (ein paar auch ins Casual), und die interessantesten Kreaturen mit Defender wiederum habe ich fürs Casual akquiriert.

Das Set besitzt aber einfach insgesamt zu wenig Substanz. Sein Hauptthema trifft nun einmal überhaupt nicht meinen Geschmack, aber auch sein sekundäres Thema ist nicht konsequent umgesetzt: Ich habe mir die Level-Up-Karten ganz, ganz genau angesehen und festgestellt, dass einzelne davon zwar cool sind, es aber keinen vernünftigen Grund gibt, diese Mechanik als Thema für Casualdecks zu benutzen. Venerated Teacher, Training Grounds und Time of Heroes fehlt schlicht die kritische Masse an spielbaren Levellern, welche mit ihnen sinnvoll interagieren. (Natürlich kann man die Grounds auch für andere Zwecke benutzen). Das wiederum wirkt sich auf mein Interesse an mäßig interessanten Levelern aus: Ein oder zwei davon könnte man ja noch mitschleppen, um ein ansonsten thematisch attraktives Deck vollzubekommen, aber wenn das Deck dann zum größten Teil aus solchen Füllern besteht, kann man natürlich gleich auf die ganze Sippschaft verzichten.

Oh, und für ein auf Defendern basierendes Deck reicht es natürlich auch nicht, auch wenn Overgrown Battlement prinzipiell ein vielversprechender Ansatz ist. Letzlich habe ich nicht eine einzige Mauer behalten, die nicht auch für sich bereits attraktiv ist – auf drittklassige Synergien, wie sie Vent Sentinel bietet, kann ich danken verzichten!

Nur das Aura-Thema enttäuscht nicht allzu schlimm, bietet aber auch nur recht wenige Karten.

Das Problem dieses Sets ist jenes, das MaRo in seinem dieswöchigen Artikel anspricht: Die meisten Rise of the Eldrazi Karten taugen außerhalb ihres “bio-dome” nichts. Um diese furchtbaren Superfatties einigermaßen spielbar zu machen, musste die Kartenqualität des ganzen Sets massiv abgesenkt werden und mussten Mechaniken betont werden, welche in anderen Environments nicht konkurrenzfähig (und übrigens auch nicht spaßig) sind.

Interessant fand ich übrigens auch die Untertöne im anderen Montagsartikel, dem von Brian Tinsman:

Eigentlich sagt er doch Folgendes: Auf lange Sicht sollte man auch Enttäuschungen riskieren (und ROE IST eine Enttäuschung). Gute Spieler spielen Spiele nicht auf die gleiche Art wie schlechte Spieler (und Magic wird für die Mehrheit der schlechten Spieler designt). Um mit ROE Spaß zu haben, muss man denken und spielen wie ein Anfänger (keine Klammer nötig hier).

Rise ist ein Set für schlechte Spieler, und zwar für WIRKLICH schlechte Spieler, nicht einfach nur für Nicht-Turnierspieler, wie der Umstand, dass auch ausgewiesene Casualzocker wie der Atog, Teardrop und Endijian es verabscheuen, belegt. Ich bin kein schlechter Spieler. Ich habe Spaß an Magic, weil es prinzipiell ein gutes Spiel ist, und es ist ein gutes Spiel, weil es auch und gerade dann Spaß macht, wenn man es gut spielt. Rise of the Eldrazi aber ist ein schlechtes Set für schlechte Spieler.

So – und wie tausche ich jetzt meine Trifekta von Emrakul, Kozilek und Ulamog gegen All is Dust oder Vengevine um? Und wer will meine ganzen Angelheart Vial, Pestilence Demon, Bear Umbra und Rage Nimbus haben? Jaja, schon gut, ich kenne die Antwort ja…

LinkDings, mehr Diskussion und ein wenig private Erinnerung

September 15, 2009

Mein letzter Arbeitsnachweis ist schon wieder ein bisschen her – wenn auch nicht ganz so lange, wie ich zuerst dachte: Offensichtlich findet die bloginterne Suchfunktion keine Tags! Das ist ziemlicher Mist. Wie auch immer, Folgendes ist zuletzt von mir in Artikelform erschienen:

Ein Praxisbericht von meinen M10-Drafts,

und ein kurzer Casual-Artikel, der sich mit in diesem “Nichtformat” problematischen Karten befasst. Diesem sollen in näherer Zukunft noch weitere folgen – alle tendenziell eher kurz – in denen ich von meiner Herangehensweise an das Casual-Spiel erzähle.

Dann habe ich zuletzt in diesem oder jenen Blogeintrag wieder einmal die Thematik des Niedergangs der RL-Standardturnierszene in Deutschland angesprochen und ihre Verbandelung mit dem Rückgang der FNMs. Auf GerMagic hat jetzt auch Teardrop etwas zu diesem Themenkomplex gebloggt, und zu einigen Dingen, die er oder seine Kommentatoren ansprechen, will ich etwas loswerden:

Das Niveaugefälle zwischen Anfängerdecks (oft verschlimmbesserte Precons) und Netdecks bei FNMs: Es ist unsinnig zu fordern, dass kompetetive Spieler mit getuneden Decks die Neulinge nicht abschrecken sollten! FNMs sind Turniere in entspannter Atmosphäre für jedermann, aber das bedeutet doch nicht, dass man dort nicht seine ernstgemeinten Kreationen testen dürfen sollte, oder nicht versuchen sollte zu gewinnen! FNMs sind KEIN Casual – das gibt es noch einmal extra. Wo sonst soll denn die vom Aussterben bedrohte Spezies der Standardspieler regelmäßig spielen, und woher sonst soll überhaupt der Anreiz kommen, sich nicht nur saisonal (wie bei den PTQ-only-Formaten Extended und Block Constructed) mit Standard zu befassen? Ich behaupte einmal, wenn auf FNMs Kiddies mit 16-Forest-50-grüne-Fatties-Decks ständig auf die Nase bekommen und deswegen die Lust verlieren, dann sind NICHT die Netdeck-Spieler daran schuld – die Kiddies sind das Problem! Und zwar insofern, dass ihnen offensichtlich nicht genügend andere Möglichkeiten gegeben wurden, Erfahrungen mit Deckbau und Kompetetivität im Standard zu sammeln, bevor sie ein Turnier spielen. Entspannte Atmosphäre kann doch keine Niveau-Beschränkung bedeuten!

Zu den Anfangszeiten der Turniere: FNM steht für “Friday Night Magic”, und es ist nur den – größtenteils unterdessen offenbar abgeschafften – deutschen Ladenschlussgesetzen zu verdanken, dass diese Turniere bei uns so häufig um 16 Uhr beginnen/begannen. Es hat auch seinen Grund, dass sie freitags stattfinden, was bedeutet, dass die meisten Spieler am nächsten Tag nicht früh aufstehen müssen! Dieses ganze Konzept richtet sich offenbar NICHT an Kinder, auch wenn es in Deutschland logischerweise dafür genutzt wurde. Das Heranführen von Neulingen an Turnierformate oder überhaupt erst an das Spiel Magic muss an anderer Stelle passieren. Früher einmal geschah dies ganz von selbst, aber in jüngerer Zeit wurden dafür Programme wie Arena oder Gateway geschaffen, um träge Shopkeeper zu ermutigen, ihren Nachwuchs zu fördern.

Die Aufgabe der FNMs ist es also eigentlich, denjenigen Spielern, die bereits erfolgreich angesteckt worden sind, und die zumindest auf semikompetetiven Niveau bereits einigermaßen mithalten können, einen regelmäßigen Spielort zu bieten. Es ist aberwitzig, sich einerseits Neulinge heranziehen zu wollen, aber dann, wenn diese so weit sind, ihnen die Spielmöglichkeiten versagen zu wollen! Deswegen hängen diese ganzen “Grassroots”-Geschichten in der Luft, wenn gleichzeitig die FNM-Szene (und zwar, um genau zu sein, die FNM-Standard-Szene) eingeht.

Sicherlich sind etablierte Spieler für Läden ein Problem, weil sie sich nicht nur mit dem Spiel, sondern eben auch mit den Bezugsmöglichkeiten dafür auskennen, was bedeutet, dass sie direkt oder indirekt den Nachwuchs darauf stoßen, sich ihre Karten billiger im Internet zu besorgen. Aber kann es da eine Lösung sein, wie von manchen gefordert, diese Spieler aus den Läden zu verbannen und nur noch Kiddies zu bedienen? Natürlich nicht! Neulinge brauchen Vorbilder, und sie brauchen Ziele, auf die sie hinarbeiten. Nach der anfänglichen Begeisterung für das neue Spiel kochen sie sonst rasch im eigenen Saft und verlieren entweder wieder das Interesse, oder entwickeln sich selbst zu etablierten Spielern. Es ist völlig utopisch anzunehmen, dass heutzutage Magic-Spieler nicht irgendwann ganz von alleine im Internet stöbern und dort auf MKM und co. stoßen! Okay, in einer gewissen, immer jünger werdenden Altergsruppe mag das noch so sein – deswegen verdient man ja auch so gut mit Yu-Gi-Oh! – aber das trägt keinen Laden.

Was mich zum nächsten Punkt bringt: Das Gejammer über die “Abzocke” der Läden, die ja so unverschämt sind, Displays zehn oder zwanzig Euro teurer als im Internet anzubieten, oder gar für Booster den empfohlenen Verkaufspreis zu fordern! Wisst Ihr was, Leute: Ihr könnt ja mal versuchen, einen Hobbyshop zu führen, in dem Ihr Produkte mit einer Handelsspanne von weniger als 15% anbietet. Viel Glück! Das funktioniert eigentlich nur, wenn man dafür andere Produkte zum Ausgleich noch teurer verkauft. Als Shopbesitzer steckt man in einem Dilemma: Mit konkurrenzfähigen Verkaufspreisen macht man kaum noch, wenn überhaupt, Gewinn (die Handelsspanne ist NICHT die Gewinnspanne, weil sie die anteiligen Unkosten nicht berücksichtigt), aber mit Preisen, welche eine zufriedenstellende Gewinnspanne ermöglichen, ist man nicht mehr konkurrenzfähig! Deswegen muss man als Händler abwägen, ob man lieber mehr Produkt mit geringerem Gewinn oder weniger Produkt mit höherem Gewinn verkauft, und lasst Euch etwas sagen: Normalerweise rechnet es sich bei Produkten, die im Internet knapp über ihrem Einkaufspreis erhältlich sind, immer mehr, höhere Preise zu verlangen, auch wenn man dadurch einen Großteil seiner Kunden verliert! Das ist die Kalkulation, welche einem das Internet praktisch aufzwingt.

Allerdings wird die ganze Angelegenheit dadurch noch komplizierter, dass es irgendwo eine Schmerzgrenze gibt, ab der man von seiner Kundschaft als “unverschämt teuer” eingestuft wird und dieser schlechte Ruf sich verselbständigt. Insbesondere Läden mit Konkurrenz am Ort können sich das nicht leisten. (Deswegen haben wir in Berlin ja auch so “faire” Preise – über die die Kunden aber immer noch meckern!) Und dann kommt noch das Problem dazu, dass gerade sammelbare Spiele eine kritische Masse an Konsumenten benötigen, unterhalb derer die Nachfrage nach dem Produkt wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt.

Wenn ein Laden sich in diesem Dilemma gefangen sieht – um sich zu finanzieren, müsste er das Produkt so “teuer” anbieten, dass er damit seine Kundschaft verschreckt – und es nicht mit einer Mischkalkulation, oder vielleicht auch illegalen Mauscheleien (Grauimporte, Steuerhinterziehung) ausgleichen kann oder will, dann bleibt ihm irgendwann nur die Schließung. So kommt das Lädensterben zustande.

Daran kann man uns Spielern natürlich eine Mitschuld geben, denn wir sind einfach nicht bereit, einen angemessenen Brickstore-Aufschlag zu zahlen, welcher den Standort (und damit unseren Spielort und Treffpunkt) und die dort arbeitenden Menschen finanziert! Wenn wir abends in die Kneipe gehen, zahlen wir für unser Bier bereitwillig ein Vielfaches dessen, was wir im Supermarkt dafür abdrücken müssen und labern den Wirt nicht voll, dass man das Zeug bei Aldi ja so viel billiger kriegt! Unsere Spieleläden jedoch sind uns nicht einmal einen Bruchteil dieses Preisaufschlags wert (denn natürlich kalkulieren selbst die teuersten Händler nicht so wie ein Schankwirt).

Wer jetzt sagt, dass dieser Vergleich hinkt, da man ja das Bier in der Kneipe sofort an Ort und Stelle trinkt, der sei darauf hingewiesen, dass Drafts an Beliebtheit immer mehr zunehmen, während Constructed sich auf dem absteigenden Ast befindet. Seht Ihr die Parallele?

Doch letztlich liegt die Schuld beim Produzenten. Einmal kümmern Wizards sich VIEL zu wenig um die Spieleläden. Obwohl diese ihnen den Nachwuchs besorgen sollen, werden sie nur äußerst sporadisch mit T-Shirt-Aktionen, Box Promos oder Gateway-Karten unterstützt – da wäre so viel mehr drin! Vor allem aber machen Wizards ihr Produkt einfach zu teuer. Das betrifft nicht unbedingt den Boosterpreis an sich, aber eben die Einstiegs- und laufenden Kosten für Standard, über die ich immer wieder schimpfe: Wer soll denn ernsthaft von einem Neuling (und insbesondere von einem im Schulalter) erwarten, sich diese kompetetiven Decks zusammenzukaufen? Wer es auch nur versucht, wird selbstverständlich die günstigstmöglichen Bezugsquellen nutzen. Ich bin sicher, dass ein Teardrop als fertiger Arzt in der Lage ist, sich ohne mit der Wimper zu zucken im Laden vor Ort mit Magic-Produkt zu versorgen (und selbst er tut dies gewiss nicht konsequent) – aber wie kann man dies von Schülern, Studenten und Arbeitslosen verlangen? Kann man natürlich nicht.

Ich will Euch ein bisschen aus der “guten alten Zeit” erzählen: Unsere Freitags-Standardturniere bei Serious Games damals (“damals” ist die Zeit, bevor es FNMs gab), waren immer so voll, dass wir Nachrückerlisten führen mussten (falls vorangemeldete Spieler nicht kamen), weil wir nicht Platz für mehr als – abhängig von der aktuellen Bestückung des Ladens – 16, 24 oder 32 Teilnehmer hatten. Nachrücker warteten dann bang, und wenn sie es nicht ins Turnier schafften (was selbst bei 32 Spielern gelegentlich vorkam!), durften sie sich für den nächsten Freitag eintragen, und standen dann in der Regel daneben und schauten zu. Ach ja, und die Anmeldung schloss jedes Mal PÜNKTLICH um 16 Uhr – das musste sie, weil es unfair gegenüber den wartenden Nachrückern gewesen wäre, wenn wir auch nur eine Minute auf vorangemeldete Spieler gewartet hätten! Wäre so etwas heute noch denkbar?

Als wir dann den zweiten Berliner Laden eröffneten (im Rückblick eine absolut dekadente Entscheidung), hatten wir Platz für bis zu 40 Spieler bei den unterdessen eingeführten FNMs, und auch hier benötigten wir zunächst Nachrückerlisten. Dann bekamen wir allerdings einen neuen Geschäftsführer, und der handhabte einige Dinge anders als vorher. Zum einen ließ er beim FNM ALLE mitspielen, egal ob Platz dafür war oder nicht. Das klingt jetzt erst einmal nett, aber wisst Ihr, das 40-Spieler-Limit hatte schon seinen Sinn gehabt: 40 Spieler bedeutete, dass absolut alle Stühle besetzt waren und die Spieler sich an den Tischen so eng zusammendrängten, dass sie ihre Ellenbogen nicht ausfahren konnten. Mehr als 40 Spieler bedeutete, dass Spieler teilweise im Stehen an hastig frei geräumten Mittelgondeln spielten, und dass Tische mit großen Tabletop-Platten so verlängert wurden, dass niemand mehr an den Spielern vorbei kam (auch nicht die Kunden, die zu den Regalen mit unseren Waren wollten), und dass es praktisch unmöglich war, dass ein Spieler während der Runde aufstand, ohne dass die ganze Tischreihe aufstehen musste. Ach ja, und als Judge kam man auch nur noch auf Rufweite an die Spieltische heran…

Dafür allerdings mussten die Turniere im Gegensatz zu vorher PÜNKTLICH um 20 Uhr beendet sein! Vorher war es kein Problem gewesen, wenn es einmal halb neun oder gar neun Uhr wurde, aber nun war der Geschäftsführer Freitag abends immer persönlich anwesend und wollte pünktlich nach Hause (und dass er mich nicht mit 40+ Spielern alleine lassen konnte, war klar – man hätte uns die Tapeten von den Wänden geklaut!) Könnt Ihr Euch vorstellen, wie stressig das für mich als Judge, aber auch die Spieler war, ein Turnier mit 4 Runden und über 40 Spielern in dieser Zeit durchzuziehen? Raucherpausen gab es nur für Spieler, die wirklich besonders schnell fertig wurden, und wenn eine Partie in die Extrazüge ging, stellte ich mich gedanklich schon auf einen Anschiss ein, und versuchte die verlorene Zeit mit einer besonders zügigen Freigabe der nächsten Runde auszugleichen. Und zu allem Überfluss erwartete der neue Geschäftsührer auch noch von mir, dass ich die Turnierleitung nebenher betrieb und ansonsten an der Kasse stand oder Inventuren machte!

Gleichzeitig geriet ich mich mit ihm (und da war ich nicht der einzige Mitarbeiter) immer wieder über seine Preispolitik in die Haare. Deckboxen, die woanders für 2,20 Euro erhältlich waren, kosteten zum Beispiel bei uns 4,50 Euro. Wir erwarben uns in kürzester Zeit einen Ruf als Nepper-Laden. Nichtsdestotrotz hielten wir unter ihm (die Geschäftsführung würde noch einmal wechseln) an der Hochpreispolitik fest, ganz nach dem Motto: Lieber weniger Kunden, aber mit denen anständig Gewinn erzielen!

Warum erzähle ich Euch das hier? Um darüber zu jammern, wie schwer ich es hatte, und wie gestresst ich war, und wie auf diese Weise ein ursprünglich beliebtes und spaßiges Turnier und die unstrittige Nummer Eins unter den Läden in Berlin nach und nach vor die Hunde gingen (denn bald suchten die Spieler sich natürlich lieber andere Spielorte, und die Kunden gingen zur Konkurrenz, und wir hatten schließlich nur noch die lokalen Kiddies im Laden)? Okay, das auch, aber eigentlich geht es mir darum zu sagen, dass ich – auch wenn ich seine ganze Zielrichtung für falsch halte – Verständnis für die Entscheidungen dieses Geschäftsführers habe! Er wollte eben irgendwie diesen Laden rentabel führen, was bedeutete, dass er die Arbeitszeit der Mitarbeiter maximal rentabel gestalten und seine Preispolitik auf maximalen Gewinn ausrichten wollte.

Ich wusste damals schon, dass das nicht funktionieren konnte: Dass ein Spieleladen von seinem Ruf lebt, und davon, dass seine Kunden sich dort wohlfühlen, und dort gut beraten und bei Spielveranstaltungen betreut werden. Jener Geschäftsführer wollte effektiv aus Serious Games einen Kiosk machen.

Wie gesagt, ich wusste, dass dieses Konzept für Serious Games nicht funktionieren konnte, aber vielleicht wusste er damals wiederum bereits, dass das bisherige Konzept nicht weiterhin funktionieren würde! Die Gewinnspannen wurden immer niedriger, und die Mitarbeiter, welche mit Kundenberatung und der Durchführung von Veranstaltungen betraut waren, rentierten sich immer weniger. Serious Games war genau in das oben beschriebene Dilemma geraten: Ein nach marktwirtschaftlichen Erwägungen geführter Hobbyshop ist nicht attraktiv, aber ein für die Kunden attraktiver Hobbyshop wirft kaum Gewinn ab. Als Familienvater war dieser Geschäftsführer nicht bereit, effektiv für einen Appel und ein Ei zu arbeiten (und schon gar nicht, gleichzeitig bezahlte Mitarbeiter zu beschäftigen, die ihre Arbeitszeit nicht finanzieren konnten).

Nach dem erneuten Wechsel der Geschäftsführung zurück zum alten Geschäftsführer schrumpfte Serious Games sich gesund. Einer der Läden wurde geschlossen, die Preisstruktur wieder konkurrenzfähiger gemacht und die Mitarbeiterschaft reduziert (aber jede Menge Gratis-Praktikanten beschäftigt). Mit anderen Worten, Serious Games arbeitete jetzt nach dem gleichen Prinzip wie alle überlebenden Hobbyshops:  Geringe Personalkosten, niedrige Gewinnspannen. Der Laden geriet so zurück in die Gewinnzone, aber sobald die dringendsten Verbindlichkeiten zurückgezahlt waren, schmiss auch dieser Geschäftsführer hin – nicht, weil es nicht mehr ging, sondern weil er nicht mehr WOLLTE. Auch er war Familienvater und wollte sich den Arsch nicht mehr für minimale Gewinne abarbeiten.

Das ist das Schicksal der Spieleläden. In Berlin kenne ich das Funtainment, den ASL und Area 51 (falls es den noch gibt) ein bisschen, und sie arbeiten alle nach diesem Prinzip: Geringe Personalkosten, geringe Gewinnspannen. Serious Games HÄTTE VIELLEICHT, wenn es nicht zwischendurch zu profitorientiert geleitet worden wäre, der Übergang gelingen können: Auf Grund des enorm hohen Warenbestandes und des breiten Warenangebotes wären Mischkalkulationen vielleicht rentabel gewesen, und mit den relativ günstig angebotenen Waren wäre es möglicherweise gelungen, genügend Kundschaft in den Laden zu bekommen, um die rentablereren Produktgruppen an den Mann zu bringen. Ladenhüter ließen sich über das Internet verticken. Wir hatten immer noch Top-Fachleute für alle Fantasy-bezogenen Warengruppen und hätten uns als Fachgeschäft mit hervorragender Beratung etablieren können (den zweiten Laden mussten wir natürlich in jedem Fall wieder schließen). Vielleicht.

Vielleicht aber auch nicht. Leute, was ich damit sagen will: Die Händlerperspektive kommt in diesen ganzen Diskussionen immer viel zu kurz! Ich kann mich nicht über Händler im großen Stil wie Bazaar of Wonders oder auch das Kesselchen äußern, denn mit dieser Geschäftsebene kenne ich mich nicht aus. Ich kann Euch aber VERSICHERN, dass sich im Brickstore-Einzelhandel NIEMAND eine goldene Nase verdient!

Daran sind letztendlich natürlich die allgemeinen Marktbedingungen schuld, und ich kann niemandem einen Vorwurf machen, der lieber billiger einkauft – das tue ich ja selbst. Aber zumindest sollten die Schuldzuweisungen gegenüber den Ladenbesitzern aufhören, wenn diese irgendwie versuchen, genügend Gewinn zu machen, dass sie die Führung ihres Ladens gegenüber dem Bezug von Hartz 4 noch rechtfertigen können!

Wizards kämpfen darum, die Profite ihrer Anleger zu maximieren. Die Hobby Shops kämpfen ums Überleben. Das ist ein Unterschied!